Porquerolles (dpa) - 01. Oktober 2009
Ein Stück Paradies auf Erden: Die Îles d'Hyères im Süden Frankreichs
«Ein Stück Paradies auf Erden», so
schwärmte der Vater des Kommissar Maigret von dem idyllischen
Insel-Trio. Doch nicht nur der belgische Schriftsteller Georges
Simenon wähnte sich «in den Tropen», sobald er mit dem Boot auf einer
der Inseln angekommen war, die sich wie eine kleine Perlenkette vor
der südfranzösischen Küste aneinander reihen. Schon die Piraten
liebten die Îles d'Hyères, einst Goldinseln genannt, allerdings vor
allem wegen der verborgenen, also Schutz bietenden Buchten.
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)/ Lange ein Geheimtipp verwöhnter Reisender, drohen Porquerolles,
Port-Cros und Levant inzwischen zwar ein Opfer ihrer faszinierenden
mediterranen Fauna und Flora und des einstigen Rufs der
«Abgeschiedenheit» zu werden. Ein kleines Paradies aber bleiben sie.
Auch die Zugvögel machen hier auf dem Weg nach Afrika letzte Station.
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)/ Die spitzen Felsen ähneln in ihrem rötlichen Ton stark dem
Esterelgebirge an der Côte d'Azur. Jedem Wind und Wetter ausgesetzte
Forts und Festungen sind von Pinienwäldern umkränzt. Dazu kommen die
in der milden Sonne glitzernden Buchten und das an die Karibik oder
zumindest an Korsika erinnernde Farbenspiel des glasklaren Wassers.
Weinberge - auf Porquerolles -, Zistrosen und Myrten einer üppigen
und doch fragilen Natur und das Gefühl, mit dem Festland doch ein
gutes Stück Alltag hinter sich gelassen zu haben und in eine etwas
andere Welt eingetaucht zu sein - all das macht die Îles d'Hyères
speziell. Nicht zu vergessen ihre stürmische Geschichte: Militärisch
genutzt, von einem Multimillionär gekauft und heute in Staatsbesitz.
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)/ Weil im Sommer der Rummel riesig ist, bietet sich der Herbst für
einen Abstecher in das Paradies des Georges Simenon an. Porquerolles,
die größte der drei Inseln, lässt sich problemlos mit einem gleich an
der Anlegestelle gemieteten Mountainbike erobern. Auf der wie ein
Croissant geformten Hauptinsel, sieben Kilometer lang und zweieinhalb
breit, verkehren praktisch nur Autos der gerade mal acht Hotels sowie
der 350 Insulaner, die das Privileg haben, ständig hier zu leben.
Zudem kurven noch Allradfahrzeuge des Naturkonservatoriums durch die
Gegend, im Dienst der in einem Park gepflegten seltenen und
mediterranen Pflanzen. Wer sonst zum Leuchtturm im Süden will oder zu
dem schroffen Cap des Mèdes im Osten, der radelt.
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)/ «Hierher kommt man nicht zum Shopping und auch nicht, um gesehen
zu werden», erzählt eine Teilzeit-Insulanerin von Porquerolles. «Man
kommt, um eine Weile fern der Welt zu sein.» Das aber geht natürlich
nicht so gut im Sommer, wenn die aus allen möglichen Festlandhäfen
die Insel ansteuernden «Vedettes» täglich Tausende von Tagestouristen
ausspucken. «Diesen Flecken möchte man mit anderen teilen, so schön
ist er, und gleichzeitig ganz für sich behalten», sagt dazu lachend
die Porquerolles-Liebhaberin. Also schaffen sich betuchtere Kenner
der Insel Refugien und schotten sich also ab wie in Saint-Tropez.
«Etliche Familien kommen seit Generationen hierher», erzählt
Salvatore Foia, der Direktor des besten Insels-Restaurants «Mas du
Langoustier». Ist dies das Sylt des Südens?
/(
)/ Einladend, weil anmutig und maßvoll in der Architektur, bietet
sich schon der Hafen von Porquerolles im Schatten des wuchtigen Forts
Sainte-Agathe dem Ankommenden dar. Bars und Restaurants wollen dazu
verführen, vor der Radtour vorbei an Kiefernwäldern und Eukalyptus
auf felsigem Untergrund noch rasch aufzutanken. Doch die Natur ruft.
Zur Vielfalt der absolut südlichen Vegetation gehören nicht zuletzt
die weiten Felder mit den Brombeerbäumen sowie die Litschibüsche des
Konservatoriums. Die sonnenverwöhnten Weinberge haben sich auf etwa
200 Hektar ausgedehnt. Drei Weingüter wetteifern hier um den
fruchtigsten Rosé. Erhielt doch einst ein Produkt der Insel als
erstes das AOC-Gütesiegel Côtes de Provence für einen Rosé-Wein.
/(
)/ Konzentrierte Vielfalt auch in der Landschaft: Im Norden liegen
die hübschen Strände Argent, Courtade sowie vor allem Notre-Dame, bei
Luxusseglern beliebt als Ankerplatz in türkisblauem Wasser so wie in
korsischen Buchten. Der Süden punktet mit steilen Felswänden und den
einsamen Calanques, vom Stein der Natur umrahmte kleine Buchten, die
Beschaulichkeit aufkommen lassen beim Blick gen Süden - irgendwo ist
Afrika. Weiter geht es mit dem Drahtesel - vom Cap d'Arme mit dem
Leuchtturm zu dem auf einer Anhöhe im Landesinneren gelegenen
Semaphor, vorbei an Pferden, die Schatten unter einer riesigen
Schirmpinie suchen.
/(
)/ Es kann nicht überraschen, dass ein so traumhaftes und dabei
überschaubares Fleckchen Erde gleich zweimal als Hochzeitsgeschenk
vergeben wurde, im Jahr 1600 zur prunkvollen Heirat von Heinrich IV.
mit Maria von Medici und dann 1912, als der in Mexiko reich gewordene
belgische Ingenieur François-Joseph Fournier es seiner zweiten Gattin
offerierte. Porquerolles sollte eine südamerikanische Hazienda sein,
ein einziges großes Landgut mit exotischem Obst wie Goldorangen und
Pampelmusen. Umgerechnet 15 000 Euro bezahlte Fournier für die Insel,
die der französische Staat 1971 zurückkaufte, um sie vor
Urbanisierung zu bewahren und die Natur der Inseln zu schützen.
/(
)/ So turbulent ging es auf der kleineren, östlichen Schwester nicht
zu, und auch heute ist Port-Cros wilder und ungezähmter - hier stört
gar kein Auto den Wanderer, der die Hafenzeile mit der Palmenreihe
hinter sich lässt und die 700-Hektar-Insel, seit 1963 Nationalpark,
bequem an einem Tag erobert. Mögen andere am Hafen die Flasche mit
dem lachsfarbenen Rosé kreisen oder sich dort vom Koch schon mal den
Fang des Tages - Sackbrasse, Meerbarbe und Drachenkopf - auf einem
Tablett zeigen lassen. Der interessierte Inselbesucher geht lieber
auf den vierstündigen Rundweg, um die Flora und zumindest einige der
genau 114 verschiedenen Tierarten zu bewundern. Etwa die dicke
Schlange, die in einem Busch direkt am Wegesrand Siesta macht.
/(
)/ Die fast runde Insel Port-Cros ist felsiger, «bergiger» als die
beiden anderen und gipfelt in dem 196 Meter hohen Mont Vinaigre. Es
gibt zwar nur zwei kleine Sandstrände, die zum Baden einladen, aber
es steht doch sowieso das Vergnügen auf Schusters Rappen im
Vordergrund. Das bewaldete Landesinnere ist von Tälern wie dem «der
Einsamkeit» durchzogen. Am nördlichen Palud-Strand ragt der
«Drachenkopf-Felsen» bizarr vor dem Ufer aus dem Meer, während das
auch hier so wunderbar klare Wasser daran erinnert, dass Port-Cros
fast mehr noch ein Paradies der Taucher als der Wanderer ist - und
Unterwasser-Nationalpark.
/(
)/ Die Port-Man-Bucht mit den dümpelnden Booten führt dann zur
Ostspitze. Und von dieser Pointe de Port-Man aus kann man schon einen
Blick auf die Île du Levant, die «Insel des Sonnenaufgangs», werfen.
Die östlichste und zweitgrößte der Îles d'Hyères ist zu neun Zehnteln
militärisches Sperrgebiet und der Rest fest in der Hand von Anbetern
der Freikörperkultur. Fließend Wasser gibt es auf dieser besonders
urwüchsigen Insel nicht, nur Brunnen - und Strom erst seit etwa zehn
Jahren. Der Inseltreffpunkt Héliopolis ist nur ein winziges Dorf, die
Schulbank drücken gerade mal sechs Schüler. Das Ambiente beschreiben
FKK-ler als «cool», im Dorf ist zumindest ein Badeanzug erwünscht,
auf Wanderwegen dagegen herrscht die grenzenlose Freiheit.
/(
)/ Am Hafen von Port-Cros haben die britischen Touristen derweil ihre
Flasche mit dem Sommerwein genannten Rosé von der Domaine Persinsky
auf Porquerolles geleert und warten auf den Sonnenuntergang. Zuletzt
wird dann nur noch das etwas abseits über dem Hafen gelegene Fort de
L'Estissac im Abendlicht erglühen. Auf dem Quai sind Taucheranzüge in
Reih' und Glied aufgehängt, die ihren Unterwasserspaziergang in die
so pralle Meeresflora und farbige Fauna für heute hinter sich haben.
/(
)/ Soll es denn jetzt noch eine Bouillabaisse sein, die berühmte
Fischsuppe, die für 43 Euro angeboten wird? Dann muss man schon ein
Zimmer in einem der Hotels gebucht haben. Für die letzte «Navette»
zurück aus diesem kleinen Garten Eden in die lärmige Zivilisation ist
es jedenfalls nun zu spät. Denn das Schiff hat abgelegt für eine gut
halbstündige Fahrt nach Le Lavandou - nahe am Fort Brégançon, dem
Sommersitz von Präsident Jacques Chirac. Wer widerstrebend an Bord
gegangen ist, der muss das wohl als ein untrügliches Zeichen dafür
werten, dass er wiederkommen soll. Sobald die Sehnsucht stark wird.
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