Barcelona (dpa) - 05. Oktober 2009
Genießen auf Katalanisch: Kulinarische Streifzüge durch Barcelona
Zum Frühstück ein Glas Wein - warum
eigentlich nicht? Schließlich haben fast alle Katalanen in Barcelona
einen vino tinto oder blanco im Glas. Der Tag startet also mit einem
Tropfen aus der nahen Penedès-Region, frisch gepresstem Orangensaft,
Schinken-Toast und Café con leche. In Barcelona wird auch sonst ein
gewisser Stil gepflegt. Draußen, vor dem Fenster der Bar im
Nobel-Viertel Eixample, schlendern geschniegelte Geschäftsleute
vorbei, ältere Damen im perfekt sitzenden Kostüm führen frisierte
Hündchen spazieren.
Barcelona ist derzeit angesagt wie kaum ein anderer Ort in Europa.
Kreative und Lebenskünstler aus aller Welt machen die Stadt zu ihrem
Wohnsitz. Mehr als sieben Millionen Touristen werden in diesem Jahr
die Bauwerke der Metropole bestaunen, auf Shopping-Tour gehen und das
spezielle Lebensgefühl der quirligen Boom-Town atmen. Zu diesem
Lebensgefühl zählt für Einheimische wie Besucher vor allem eines:
gutes Essen. In Gourmettempeln mit abgedrehter Molekularküche, in
rustikalen Restaurants, szenigen Tapas-Bars, Markthallen oder
Feinkostläden.
Gestärkt stürzt sich der Besucher ins Getümmel der Stadt des
Modernisme-Architekten Antoni Gaudí. An den Jugendstil-Fassaden des
Stadtteils Eixample vorbei geht es Richtung Meer. Je näher das
Wasser, desto kräftiger beginnt der kulinarische Puls der Stadt zu
schlagen. An der Rambla del Mar, der Touristen- und Flaniermeile,
wartet als erster Höhepunkt der Boqueria-Markt. In der schummrigen
Halle sind Papayas, Pampelmusen und Dutzende andere Obstsorten fein
säuberlich aufgestapelt. An den Fleischtheken warten neben Steaks und
Schinken, Salamis und Koteletts exotische Zutaten wie Stierhoden,
Lammnieren oder Widderköpfe auf Käufer. Dazu Hummer, Haie, halbe
Tunfische liegen da auf Eis, Berge von Garnelen oder Venusmuscheln,
Rochen, Stockfisch, ganze Kraken - Meeretiere stehen in der
Hafenstadt ganz oben auf dem Speiseplan. An jedem Stand herrscht
Gedränge, Touristen staunen und knipsen, Köche und Hausfrauen laden
ihre Einkaufskörbe voll.
Der Markt an den Ramblas ist der größte der Stadt, doch jedes
Viertel hat seinen eigenen Hallen-Mercado. Weniger wuselig, dafür
schicker und von der Auswahl her noch raffinierter ist beispielsweise
der Mercat Municipal de Santa Caterina in der Altstadt. Der Neubau
mit seinen geschwungenen Dächern ist auch für Architekturbegeisterte
ein Leckerbissen. Wer in Barcelona selbst hinter dem Herd stehen
will, kann einen Kochkurs buchen und lernt ein paar Geheimnisse der
spanischen und katalanischen Küche. Meist starten die Kurse mit einem
ausgedehnten Einkaufsbummel durch eine der Markthallen.
Einen Mittagstisch gibt es bei Pedro in einer einfachen und
typischen Speisebar nahe dem Santa-Caterina-Markt. Der Laden könnte -
wie so viele - durchaus mehr für die Gemütlichkeit tun: Neonlicht,
wackelige Alu-Stühle, am Eingang dudelt ein Spielautomat. Trotzdem
kein Grund, den Ort zu meiden, denn das Publikum liefert einen
Hinweis auf die Qualität der Küche: Jeder Tisch ist voll. Studenten
sitzen neben Arbeitern im Blaumann, am Nebentisch Büromenschen im
weißen Hemd. Pedro hat donnerstags immer Paella im Angebot, gut und
günstig, und das weiß man im Viertel. Dazu wieder ein Glas Weißwein,
hinterher das Karamell-Dessert Crema Catalana, dann ein doppelter
Espresso. Da stört auch die Fußball-Wiederholung in der Flimmerkiste
an der Wand nicht das Wohlbehagen.
Seit der Sommerolympiade im Jahr 1992 erlebt Barcelona einen fast
ungebremsten Wirtschaftsboom. Alte Viertel wurden restauriert,
Großprojekte wie die neue Hafenmarina im Port Vell oder der
futuristische Wasserturm Torre Agbar hingeklotzt. Gerade wird das
alte Arbeiter-Viertel Poble Nou mit Milliardenaufwand zum
Medienstandort umgebaut. Mit dem Wohlstand hat sich auch die
Ausgehkultur rasant entwickelt: Nicht nur in den Altstadtvierteln
haben reihenweise neue Bars und Restaurants eröffnet, stellenweise
Tür an Tür. Auch unter der Woche ist dort oft jeder Tisch besetzt.
Die Katalanen essen spät. Erst ab 21.00 Uhr wird es schlagartig voll.
Also: Reservieren oder früher kommen.
Tagsüber ist von der kulinarischen Vielfalt wenig zu erahnen.
Erst, wenn am Abend die eisernen, mit Graffitis beschmierten
Rollläden hochgehen, zeigen sich die Tapasbars, Weinstuben oder
Fischrestaurants und verführen zum Blick auf die Speisekarte. Nur
sonntags bleiben die meisten Rollläden geschlossen. Das ist der
Familientag, an dem die meisten der 1,6 Millionen Barcelonesen daheim
mit Eltern, Onkels und Tanten tafeln.
Nach dem Espresso bei Pedro ist Siesta-Zeit. Die autofreien Gassen
der Altstadt sind wie leergefegt. Jetzt bietet sich ein Nickerchen im
Hotel oder Spaziergang zum Hafen und zum Strand an. Erst gegen 17.00
Uhr gehen in den Gassen der Altstadt, im Gotischen Viertel oder im
schicken Szene-Stadtteil el Born - das vor einigen Jahren noch als
verlotterte Junkie-Gegend galt - an Weinläden, Eisdielen,
Konditoreien und Souvenirläden die Rollläden wieder hoch.
Für einen süßen Gaumenkitzel am späten Nachmittag bietet sich hier
ein Besuch im Schokoladenmuseum oder in der Nobel-Xocolateria Bubó
an. Doch der Born ist auch ein Shopping- und Künstlerviertel: In
Dutzenden Modeboutiquen hängen die hippen und teuren Klamotten von
Barcelonas junger Designer-Elite, in Goldschmieden und
Schmuckboutiquen liegen individuelle Accessoires im Schaufenster. Und
dazwischen: Restaurants, Restaurants und Restaurants.
Allmählich knurrt wieder der Magen. Fisch? Gourmet-Küche? Tapas?
Wonach steht der Appetit? Die Auswahl fällt schwer. Urig und eine
Institution ist die Bar la Plata (Carrer de Mercè). Dort stehen
Senioren jenseits der 70 mit einem Rosé in der Hand, unterhalten sich
angeregt und knabbern dabei frittierte kleine Fische. Die sind die
Spezialität des Ladens, der sonst nur Tomatensalat und Wurstbrötchen
im Angebot hat. Hier bleibt es für heute bei einem Schoppen Rosé und
einem Plausch mit den betagten Stammgästen. Fisch? Vielleicht ein
andermal.
Verlockend wäre auch der Besuch in einer der baskischen Bars, in
denen mit tausend Dingen belegte Schnittchen das Besondere sind. Ein
Besuch beim Koch-Weltstar und Erfinder der experimentellen
«Molekularküche», Ferran Adrià, wäre auch möglich - ist aber nichts
für den spontanen Genuss.
Zwar stammt Adrià aus Barcelona, hat hier gelernt und tüftelt in
seinem Hexenlabor im Herzen der Altstadt avantgardistische
30-Gänge-Menüs aus. Doch sein Restaurant «El Bulli» liegt erstens
zwei Autostunden nördlich der Stadt in Roses an der Costa Brava.
Zweitens kostet das Essvergnügen beim Drei-Sterne-Koch um die 200
Euro pro Person. Und drittens sollte man mindestens ein Jahr im
Voraus reserviert haben. Der Glanz des Starkochs hat aber durchaus
auf seine Heimatstadt abgefärbt, und so bietet sich auch ein Besuch
bei molekularen Nachahmern oder anderen mit Michelin-Sternen
dekorierten Maîtres an.
Aber heute soll es bodenständig bleiben: Es gibt Tapas. In der Bar
Palma (Carrer de la Palma de Sant Just) ist noch ein winziger Tisch
am Fenster frei. Hier wird der Hauswein direkt aus großen
Eichenfässern gezapft, unter der Decke hängen Würste und Schinken,
die im Zigarettenqualm noch eine spezielle Tabaknote verpasst
bekommen. Dies übrigens ist ein Ärgernis für Nichtraucher in
Barcelona: Trotz allgemeinen Rauchverbots in spanischen Restaurants
wird die Ausnahme hier fast überall zur Regel. An der Tür klebt
einfach eine Sondergenehmigung mit amtlichem Stempel drauf und der
Aufschrift «Aquí es permet fumar» - Rauchen erlaubt.
So typisch für Barcelona sind Tapas eigentlich gar nicht, sie sind
- aus Zentralspanien importiert - erst seit etwa zwei Jahrzehnten in
Katalonien populär. Aber jetzt wird aufgetragen: Kartoffeltortilla,
Kapern und Kaninchenteile, Stockfisch, Oliven, Blutwurst, Oktopus,
Garnelen, Manchegokäse, Schinken. Auf dem Tisch stapeln sich die
leeren Tonschälchen, und der Wirt muss noch einmal die Karaffe
füllen. So endet der Tag, wie er begonnen hat: Mit einem schönen
Schluck Wein.
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