Valencia (dpa) - 14. Januar 2010
Spaniens feurig-lautes Frühlingsfest: Valencia feiert die Fallas
Frühlingsfeste gibt es in Spanien viele. Aber
nirgends geht es lauter, bunter und feuriger zu als bei den Fallas in
Valencia. Fünf Tage lang verwandelt sich die Mittelmeerstadt im März
in eine Festmeile. Stolz ziehen die Valencianos in prachtvollen
Kostümen durch die Straßen. Paella-Kochwettbewerbe auf offener
Straße, traditionelle Volkstänze, festliche Umzüge, Feuerwerke,
Stierkämpfe und die Fallas, riesige Skulpturen aus Pappmaché in der
ganzen Stadt, ziehen Hunderttausende von Touristen an. Im vergangenen
Jahr kamen 1,2 Millionen Menschen nach Valencia - eine Stadt im
Ausnahmezustand.
Beatriz Gómez-Lechón Verdía hat lange auf diesen Moment gewartet.
Die 16-Jährige fieberte das ganze Jahr den Fallas entgegen. Es
sollten «ihre» Fallas werden. Ihr Falla-Verein hatte sie zur «Fallera
Mayor» bestimmt. Jeder Stadtbezirk oder jede größere Nachbarschaft
bildet eine eigene Falla-Gemeinschaft, die auf einer Straßenkreuzung
ein Festzelt organisiert, auf eigene Kosten eine der riesigen
Falla-Monumente erbauen lässt und als Repräsentanten der
Festgesellschaft eine Frau (Fallera Mayor) und ein Mädchen (Fallera
Infantil) bestimmt.
Stolz gibt Beatriz das Zeichen, die Mascletá zu zünden. Mascletas
sind eine Art Feuerwerk, bei dem Hunderte von Knallkörpern, die durch
eine Zündschnur verbunden an einer Leine aufgehängt sind, hinter- und
miteinander in die Luft gehen. Es knallt, pfeift und blitzt. Die Luft
riecht nach Schwarzpulver. Doch Beatriz genießt das Spektakel. Die
Mascletá gehört zu den Fallas, wie die Paella zu Valencia. Während
die kleineren Falla-Vereine ihre Mascletá als Art Startschuss vor
allem an den ersten Tagen des Frühlingsfestes explodieren lassen,
wird für die große Masse vor dem Rathaus jeden Tag um 14.00 Uhr eine
gigantische Mascletá in die Luft gejagt.
Der Lärm ist ohrenbetäubend. Während der Fallas werden Mascletás
mit einer Länge von bis zu 8000 Kilometern gezündet. Nach diesem
Spektakel bereiten sich Beatriz und ihr Falla-Verein auf den
religiösen Teil vor. Ein letztes Mal wird überprüft, ob die
Haartrachten und Kostüme richtig liegen, dann setzt sich der Umzug in
Bewegung. Aus anderen Seitenstraßen kommen immer mehr Falla-Vereine
hinzu, bis die kilometerlange Prozession an die 150 000 Teilnehmer
zählt. Am Straßenrand jubeln Zuschauer den Falleras mit ihren
Blumensträußen zu. Die Blumen werden vor der Kathedrale der heiligen
Jungfrau Virgen de los Desamparados, der Schutzheiligen der Stadt,
gespendet.
Jeder Fallera wurde aufgetragen, welche Farbe ihre Blumen haben
müssen. Aus ihnen wird das pyramidenförmige, rund 14 Meter hohe
Holzgerüst, auf dem der Kopf einer Madonna thront, in eine Art
duftender Mantel für die Gottesmutter verwandelt. Am Abend feiert
dann jeder Falla-Verein wieder für sich. Stundenlang wird auf offener
Straße gegessen, getrunken und getanzt. Ein unwiderstehlicher Duft
zieht durch Beatriz' Straße, der Calle Cirilo Amorós. Es riecht nach
Kaninchen, Bohnen, Reis und Tomaten. Behutsam legt Carlos Ordiñana
das in Stücke geschnittene Fleisch in die mit heißem Olivenöl
gefüllte Pfanne. Es zischt und spritzt.
Immer wieder rückt er das Feuerholz unter der Pfanne zurecht. Vor
allem das richtige Feuermachen sei beim Paellakochen wichtig, verrät
der 30-jährige Spanier, der dem Falla-Verein von Beatriz angehört.
Die Straße Cirilo Amorós hat sich mittlerweile in eine riesige
Kochmeile verwandelt. Mitten im Zentrum Valencias sitzen die Nachbarn
auf der Straße und braten über kleinen Holzfeuern ihre Paellas.
Während die Männer für die Paellas und das Feuer zuständig sind,
bereiten die Frauen auf Plastik-Tischen Brot, Oliven und Käseplatten
vor. Selbstverständlich wird die «Ur-Paella», die «Paella
Valenciana», gekocht und immer wieder wird sich mit einem kräftigen
Schluck Rotwein aufgewärmt.
Danach treffen sich alle Nachbarn im Festzelt des Falla-Verein, um
mit ihren duftenden Pfannen zum traditionellen Paella-Kochwettbewerb
anzutreten. Bewertet werden Garzustand, Farbe, Geschmack und der
«socarrat» der Paella. Diese leicht braunen und knusprig angebratenen
Reisreste am Boden der Pfanne gelten für jeden Paella-Liebhaber als
geschmacklicher Höhepunkt. Die kulinarische Stärkung ist bei allen
willkommen. Schließlich sind die Nächte während den Fallas lang. «Zum
Schlafen kommen wir so gut wie gar nicht in diesen Tagen», sagt
Carlos Ordiñana, der als Vize-Präsident komischerweise zum zweiten
Mal in Folge schon wieder den Paella-Wettbewerb gewonnen hat.
«Aber das ist egal. Für uns Valencianer sind Las Fallas einfach
das Größte», erklärt Carlos. «Wir Mitglieder von Fallas-Vereinen
nehmen uns für diese Zeit sogar extra Urlaub, obwohl wir erst nach
den Fallas so richtig urlaubsreif sind.» Aber alles geht einmal zu
Ende - auch Las Fallas. Ein letztes Mal gibt es das tägliche
Mitternachts-Feuerwerk über dem ausgetrockneten Flussbett des Turia,
das noch kilometerweit entfernt zu sehen ist und fast eine halbe
Stunde den Himmel in ein buntes Spektakel aus Licht und Farben
verwandelt. Hier dürfen nur die besten Pyrotechniker der Welt ans
Werk.
Doch bevor die Valencianer wieder ein Jahr auf ihr rauschendes
Frühlingsfest warten müssen, lassen sie es am letzten Tag, dem Sankt
Josef Tag am 19. März, noch einmal richtig krachen. Es ist die Nacht
der «Cremà», bei der fast alle 400 Fallas mitten auf Kreuzungen und
Plätzen in Flammen aufgehen. Die teilweise haushohen Figurengruppen
aus Pappmaché und Polyesterharz bestehen aus
sogenannten Ninots, Figuren, die Politiker, Schauspieler oder andere
Persönlichkeiten in witzig-satirischer Form darstellen und politische
oder soziale Missstände aufs Korn zu nehmen.
Die Fallas werden dabei von Jahr zu Jahr größer, teurer und
prachtvoller. Die Falla des Stadtviertels Nou Campanar, die zwei
Jahre in Folge den ersten Preis gewonnen hat, und auch im vergangenen
Jahr wieder den Zuschlag erhielt, kostete 900 000 Euro. Ein teurer
Spaß, der da in den Flammen aufgeht. Aber den Mitgliedern der
Fallas-Gemeinschaften ist es das Geld wert.
Manche Fallas-Künstler arbeiten bis zu einem Jahr an den bunten
Pappmaché-Figuren, die von den Vereinen beziehungsweise
Nachbargemeinschaften in Auftrag gegeben wurden. Die Tradition, die
Figuren in der Nacht der «Cremà» abzufackeln, stammt wahrscheinlich
aus dem 13. Jahrhundert. Die valencianischen Zimmerleute entrümpelten
am Tag ihres Schutzpatrons, des heiligen Josef, ihre Werkstätten für
den Frühling und verbrannten die Holzreste, die sie nicht mehr
brauchten, auf der Straße. Im Lauf der Jahrhunderte wurde diese
Tradition zum Volksfest, und immer häufiger verbrannten auch ganz
normale Bürger Möbelreste und andere Holzgegenstände.
Irgendwann entstand dann der Brauch, mit Stroh ausgestopfte Puppen
mit ins Feuer zu werfen. So stammt auch das Wort Fallas vom
lateinischen Facula ab, was Fackel bedeutet. In dieser Nacht scheint
die gesamte Stadt in Flammen zu stehen. An jeder Ecke brennen die
Ninots lichterloh. Auf dem Rathausplatz wird um Mitternacht die
größte aller Figuren vor den Augen der schaulustigen Masse verbrannt.
Haushoch lodern die Flammen.
Nur ein einziger, von einer Jury auserwählter Ninot entgeht in
dieser Nacht der Zerstörung durch die Flammen und wandert zu den
anderen preisgekrönten Pappmaché-Puppen ins «Museo Fallero». Diese
Ehre wurde dem Falla-Verein von Beatriz noch nie zuteil. Aber das ist
ihr egal. Für die stolze Fallera Mayor ist natürlich ihre Falla die
Schönste von allen. Als die Flammen ihre Falla niederbrennen und die
Riesenfiguren aus Holz und Pappmaché in sich zusammenfallen, kann
Beatriz ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Es ist das Zeichen, dass
nun alles zu Ende ist - auch ihre Regentschaft als Fallera Mayor. «Es
war einfach zu schön. Für mich ist ein Traum in Erfüllung gegangen»,
sagt Beatriz und wischt sich die Tränen aus den Augen.
Einige Falla-Mitglieder trösten sie, während andere verträumt in
die Flammen schauen, die die Ninots auffressen. Dann ist alles
vorbei. Das Monument liegt in Schutt und Asche. Zwei Jungs nehmen
Beatriz auf die Schultern und tragen sie wie es der Brauch will
zweimal um den Aschehaufen. Danach wird bei viel Rotwein beraten, wer
im kommenden Jahr Fallera Mayor sein soll und wie die Falla aussehen
könnte. Ein gutes Thema könnte die Wirtschaftskrise sein - und
Spaniens Premier oder Wirtschaftsminister Pedro Solbes könnten sich
gut für einen Ninot anbieten.
INFO-KASTEN: Las Fallas in Valencia
REISEZIEL: Valencia ist Spaniens drittgrößte Stadt und liegt an
der Mittelmeerküste südlich von Barcelona. Das Frühlingsfest Las
Fallas wird jedes Jahr vom 12. bis 19. März gefeiert.
ANREISE: Mehrere Airlines fliegen Valencia von verschiedenen
deutschen Flughäfen aus an, darunter Air Berlin, Iberia, Easyjet und
Ryanair.
KLIMA: Die Temperaturen können Mitte März in Valencia bereits auf
über 20 Grad steigen.
SPRACHE: Spanisch.
GELD: In Spanien wird mit dem Euro bezahlt.
INFORMATIONEN: Spanisches Fremdenverkehrsamt, Myliusstraße 14,
60323 Frankfurt (Tel.: 069/72 50 38, für Broschüren: 06123/991 34).
INTERNET: Link: www.spain.info, Link: www.turisvalencia.es,
Link: www.comunitatvalenciana.com.
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