Tiflis (dpa) - 22. Februar 2010
Mediterranes Flair am Kaukasus; Traubenwurst und Rotwein
Vielleicht lässt sich die kulturelle Vielfalt
Georgiens am besten anhand der landestypischen üppigen Tafel
veranschaulichen. Die biegt sich förmlich unter den Tellerbergen, die
die Georgier aufschichten. «Nirgendwo sonst wird das Gastmahl so
zelebriert wie bei uns», verspricht Eliza Khizanishvili,
Universitätsdozentin in Tiflis. «Der Gast wird von Gott geschickt»,
sagt ein georgisches Sprichwort.
Geleitet wird das Zeremoniell vom Tamada, dem Tischmeister, der in
schöner Regelmäßigkeit Trinksprüche zunächst auf Gott und Georgien
ausbringt. Es folgen Toasts auf die Familie, die Frauen, den Frieden,
die Freundschaft, die Liebe und auf eben alles, was sonst noch
wichtig im Leben ist. Der Besucher aus dem Ausland muss nur ein
einziges Wort beherrschen: «Gaumarjos», das bedeutet «Prost». Ein
solches Gelage kann sich über Stunden hinziehen und erfordert
absolute Trinkfestigkeit.
Die westeuropäische Zunge mag mit der georgischen Sprache - sie
hat ein eigenes Alphabet und so viele Buchstaben wie Laute - ihre
Schwierigkeiten haben. Dafür kommt der Gaumen mit der georgischen
Küche, die als «Haute Cuisine» des Sowjetreichs galt, auf jeden Fall
zurecht. Dazu sind schon allein die Vorspeisen, etwa die Mkhali,
kleine Bällchen aus Gemüsen und Kräutern, oder auch die Badridschani,
mit Walnusspaste gefüllte Auberginenscheiben, zu raffiniert.
Bei keiner Tafel fehlt Chatschapuri, mit Käse gefülltes Brot, oder
auch die Tschurtschkella-Würste, die mit Nüssen und verdicktem
Traubensaft gefüllt werden. Früher wegen ihrer Nahrhaftigkeit als
Soldatenverpflegung verwendet, werden die roten Traubenwürste
vielerorts auch entlang der Landstraßen angeboten.
Am wichtigsten ist freilich der Wein - schon vor 5000 Jahren wurde
der Rebsaft in Georgien angebaut. Sogar das traditionelle Kreuz der
georgischen orthodoxen Kirche besteht aus Weinreben. Es ist das Kreuz
der Heiligen Nino, die im vierten Jahrhundert das Christentum nach
Georgien brachte, als sie sich in Mzcheta, der damaligen Hauptstadt,
niederließ. Heute zählt die Stadt mit der prachtvollen
Svetitskhoveli-Kathedrale zum Weltkulturerbe der UNESCO.
Die kulinarische Vielfalt ist nur eine der vielen Facetten des
Landes am Kaukasus, das auf Grund seines gemäßigten Klimas auf eine
lange Besiedlungsgeschichte zurückblickt, die bereits in der
Altsteinzeit begann. Im sechsten Jahrhundert vor Christus zerfiel
Georgien in die zwei Königreiche. Im westlichen Kolchis wurde das
«Goldene Vlies» aus der Argonautensage vermutet. «Den historischen
Kern dieser Sage entdeckten Archäologen bei Vani im Westen Georgiens,
wo sie exquisiten Goldschmuck fanden», erklärt David Lordkipanidze,
Direktor des Nationalmuseums in Tiflis.
Zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert, der Blütezeit des
mittelalterlichen Georgiens, wurde das Land sogar die stärkste Macht
in der Region. Später fielen Mongolen, Araber und Perser ein. Das
wohl imposanteste Bauwerk aus der Epoche der Invasionen ist die
Ananuri-Festung am Fuße des Kaukasus.
Angesichts der wechselvollen Geschichte ist es kein Wunder, dass
auch die Hauptstadt Tiflis Dutzende Male zerstört wurde, zuletzt im
Jahr 1795 von der persischen Armee Aga Mohammed Khans. Doch die
Stadt, deren Gründung im fünften Jahrhundert König Wachtang
Gorgassali zugeschrieben wird, wurde immer wieder aufgebaut.
Terrassenförmig ist sie an einem Fluss angelegt, Kirchtürme
dominieren das Stadtbild. Heute bietet die orthodoxe Metechi-Kirche
mit der Narikala-Festung im Hintergrund einen der besten Blicke über
die Altstadt.
Eine Reise in die Vergangenheit ermöglicht ein Besuch bei Kakha
Zarnadze, einem der letzten Messerschmiede des Landes. In seiner
Werkstatt schräg gegenüber der Zioni-Kirche schmiedet er heute noch
in der Tradition seiner Vorväter prachtvoll verzierte Klingen. «Sogar
der russische Staatspräsident Wladimir Putin gehört zu meinen
Kunden», sagt Zarnadze stolz. Doch nur ein paar Meter weiter, in der
Chardin-Straße, landet der Besucher wieder in der Neuzeit. Hier haben
sich viele Künstler Ateliers und Galerien eingerichtet, flippige
Cafés runden das Bild ab. Und gänzlich westeuropäischen Zuschnitt hat
die breite Prachtstraße und Flaniermeile Rustaveli mit dem
Regierungssitz, dem Nationalmuseum und dem im maurischen Stil
gehaltenen Operntheater.
International berühmt wurde Tiflis auch wegen seiner
Schwefelquellen. Empfehlenswert ist das Orbeliani-Bad mit seiner
orientalischen Fassade und seinen farbenfrohen Mosaiken. Doch Tiflis
ist auch die Stadt der kunstvoll geschnitzten Holzveranden. Das
Gefühl, in einem Mittelmeerland zu sein, lässt den Reisenden nie ganz
los. Mal sind es die Kirchen, mal die bunten Märkte und mal die
blühenden Obstplantagen, die solche Empfindungen wecken.
Das Städtchen Signagi im äußersten Westen Georgiens, wo die
heilige Nino begraben sein soll, ist gänzlich im südländischen Stil
erbaut. Entlang der verwinkelten Gassen reihen sich zwei- bis
dreistöckige Häuser. Auch hier sind sie unübersehbar: die schnörklig
verzierten Tür- und Fensterrahmen und die riesigen von Efeu und
wildem Wein umrankten Balkone, die einen Blick auf die imposante
Stadtmauer mit ihren 23 Türmen freigeben. Eine russische Touristin
bringt es auf den Punkt: «Wären da nicht die schneebedeckten Gipfel
des Kaukasus am Horizont, könnte man meinen, man sei in Italien.»
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