Mainz (dpa) - 05. August 2003
Aufschrauben statt Entkorken: Neue Verschlüsse für Weinflaschen
Immer mehr Weinflaschen in Deutschland werden
nicht mehr entkorkt, sondern einfach nur aufgeschraubt. Auf 20 bis 25
Prozent schätzen Experten mittlerweile den Anteil der Flaschen mit
deutschem Wein, die mit Schraubverschluss versehen sind. Die
Flaschenöffnung enthält zwei Gewindegänge. Über die übliche
Aluminiumkapsel lässt sich die Flasche aufdrehen und auch wieder
verschließen.
Winzer Stephan Stauder (45) aus Mainz-Hechtsheim (Anbaubaugebiet
Rheinhessen) schwört auf den «Geschraubten», wie er sagt. Seit 1996
lässt er sein gesamtes Jahresaufkommen von bis zu 20 000 Flaschen auf
diese Weise verschließen. Hauptmotiv der Umstellung war für ihn eine
stark nachlassende Qualität der Korken, die bei seinen Kunden zu
immer häufigeren Reklamationen wegen geschmacklicher Mängel geführt
habe. Ein Argument sei sicher auch der Preis: Gute und durchweg nicht
zu beanstandende Korken kosteten bis zu 50 Cent das Stück, ein
Schraubverschluss dagegen nur wenige Cent.
Die Qualität der verschraubten Weine sei einwandfrei und stehe
denen aus Flaschen selbst mit gutem Korken nicht nach. Seine Kunden
hätten die ohne den gewohnten Korkenzieher zu öffnenden Weine mit
ganz wenigen Ausnahmen längst akzeptiert. Die garantierte
«Geschmacksneutralität» bei Weinen mit Schraubverschluss sehen auch
Experten der Staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt für Weinbau
Oppenheim als einen großen Vorteil. Dass sich solche Flaschen nach
dem Öffnen zum weiteren Ausschenken liegend aufheben lassen, werde
von der Gastronomie zunehmend geschätzt. Auch große Ladenketten
griffen immer stärker auf derart verschlossene Flaschen zurück, weil
bei Transport und Lagerung keinerlei Geschmacksbeeinflussung drohe.
Mit großem Interesse beobachtet man in dem Oppenheimer Institut
auch die Entwicklung von Alternativen wie Edelstahl-Kronkorken,
Kunststoffverschlüssen oder Stopfen aus Glas. Bei der Glasvariante
ist die Versuchsanstalt an einem Langzeitversuch beteiligt. Dabei
wird das Patent eines Alzeyers erprobt, die Flaschen mit einem
Glasstopfen einschließlich Gummidichtung und Aluminiumkapsel zu
verschließen.
Alle Flaschenverschlüsse außer Kork finden indes ihre Grenze bei
kulturbeflissenen Weinliebhabern, wenn sie sich zu Hause oder in
einem Lokal mit viel Gefühl dem Ritual des Entkorkens widmen. Diese
Überzeugung vertritt auch das Deutsche Weininstitut (DWI) in Mainz.
Über verschraubte deutsche Trockenbeerenauslesen könne man anfangen
nachzudenken, wenn die ersten großen Bordeaux-Güter in Frankreich zu
dieser Verschlussart übergingen.
Sehr gelassen sieht auch der Deutsche Korkverband in Mainz die
Entwicklung. Viel zu schnell seien Weintrinker mit ihrem Urteil bei
der Hand: «Der Wein hat Kork». In einer groß angelegten Studie in
England mit 13 000 getesteten Weinen aus 17 Ländern seien bei
lediglich 0,7 Prozent «Korkschmecker» nachgewiesen worden. Bemängelte
«dumpf-muffige» Fehltöne hätten meist andere Ursachen gehabt.
Eigentlich sei jede Minute von Diskussionen über die
«Verschlusssache Wein» vertane Zeit. Nach Untersuchungen spiele für
lediglich acht Prozent der Weinkonsumenten das Material des
Flaschenverschlusses keine Rolle. Für die anderen über 90 Prozent, so
der Fachverband, sei der Naturkork «ein Stück unverzichtbare
Weinkultur».
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