Québec-City (dpa) - 29. April 2008
Französische Lebensart in Kanada: Québec-City wird 400 Jahre alt
Wenn eine Stadt in Europa 400 Jahre alt
wird, dann ist das nichts Besonderes. In Nordamerika dagegen gilt
eine solche Metropole schon als altehrwürdig, und zum Jubiläum gibt
es eine große Party. 2008 ist nun Québec-City soweit: Das Zentrum der
französischen Lebensart in Kanada blickt zurück auf vier Jahrhunderte
einer interessanten Geschichte und feiert selbstbewusst seine
Gegenwart.
Monsieur Bouchard kommt einem irgendwie bekannt vor: Hoher,
ausgebeulter Hut, dunkler Vollbart, Nickelbrille, dazu dieses
verschmitzte Lächeln - die Ähnlichkeit mit der schwedischen
Kinderbuchfigur Petterson ist verblüffend. Doch Monsieur Bouchard
lebt nicht in Schweden. Er ist Frankokanadier und beackert auf der
Ile d'Orléans im St.-Lorenz-Strom einen vier Hektar großen Weinberg.
«Das Klima auf unserer Insel ist mild und sonnig. Außerdem wurde in
der Stadt schon immer tüchtig Wein getrunken», sagt der Winzer und
weist mit der Astschere nach Westen, wo sich die letzten Strahlen der
Abendsonne über die Türme von Québec-City ergießen.
/(
)/Der Mann weiß, wovon er spricht: In Québec-City, der Hauptstadt
von Kanadas größter Provinz Québec, pflegen die Menschen seit 400
Jahren französische Lebensart. Die Liebe zum Wein und zum guten
Essen, zur französischen Sprache und Kultur sind hier ausgeprägter
als sonst irgendwo in Kanada. Und damit nicht genug: Québec-City
rühmt sich, zu den ältesten Städten Kanadas zu zählen, die erste
Universität des Landes gegründet zu haben und als einzige Stadt in
ganz Nordamerika auf der Unesco-Weltkulturerbe-Liste zu stehen.
Bonjour, Küsschen rechts, Küsschen links: Savoir-vivre, wohin man
auch schaut. Kaum hat der Besucher das «Café St.-Malo» in der Rue
Saint-Paul betreten, fühlt er sich wie in die Bretagne versetzt.
Kellner in langen, schwarzen Schürzen eilen zwischen den Zeitung
lesenden Gästen umher und servieren morgens köstliche Croissants und
dampfenden Café au lait. Am Abend dagegen werden hier wie in den
anderen Lokalen in der Altstadt die beliebten Dreigänge-Menüs
aufgetragen und dazu die obligatorischen Rot- und Weißweine kredenzt.
Vor allem Besucher aus den USA geraten in schieres Entzücken - und
zwar nicht nur wegen der gemütlichen Kneipen, sondern auch beim
Anblick der historischen Altstadt mit ihrer mächtigen Stadtmauer, den
romantisch winkeligen Gassen, den Kopfsteinpflaster-Plätzen und alten
Mansardenhäusern. Es heißt, viele Amerikaner, denen eine Reise nach
Europa zu umständlich ist, führen gerne mal für ein Wochenende nach
Québec-City, um ihren modernen Städten aus Beton und Glas zu
entfliehen. Zwischen den historischen Gemäuern Québecs genießen sie
dann so etwas wie «europäische Lebensart» - und das in vollen Zügen.
/(
)/Der Schriftsteller Charles Haight Farnham formulierte es bereits
1822 so: «Durch Québec zu gehen, ist wie in einem Bilderbuch der
Vergangenheit zu blättern.» Daran hat sich bis heute nicht viel
geändert. Auf der Place Royale in der Unterstadt am Ufer des
St.-Lorenz-Stroms etwa erscheint die Zeit wie in Blei gegossen.
Alle Gebäude rund um den Platz sind restauriert, die Autos wurden
verbannt - das etwas buckelige Granitpflaster gehört heute wieder den
Fußgängern und Pferdedroschken. Vor 400 Jahren bevölkerten vor allem
Tagelöhner, Pelzhändler, Füsiliere und allerlei Rabauken, die sich
von den Schiffen schlichen, dieses älteste Stadt- und
Geschäftsviertel Nordamerikas. Heute ist die Place Royale fest in der
Hand von Jongleuren, Straßenmusikanten, Touristen und Einheimischen,
die ihren Feierabendbummel genießen. Und trotz aller Folklore und
trotz der geschichtsträchtigen Gebäude: Ein verstaubtes Museumsdorf
ist Québec-City nicht, nichts wirkt aufgesetzt oder gekünstelt.
Zum 400. Jahrestag der Stadtgründung durch den französischen
Entdecker, Pelzhändler und Kartographen Samuel de Champlain im Jahr
1608 soll es nun ein gigantisches Fest geben. «Wir werden fast das
ganze Jahr über feiern», sagt Denys Légaré von Québecs
Provinzregierung. Als Höhepunkt sind vom 3. bis 6. Juli eine
Opernaufführung und ein «Mega-Happening» auf dem historischen
Schlachtfeld Plaines d'Abraham am Rande der Altstadt geplant.
Selbst der riesige Getreidespeicher am Hafen, ein normalerweise
grauer Zweckbau von 600 Metern Länge und 40 Metern Höhe, wird vom 20.
Juni bis 29. Juli jeden Abend als gigantische Projektionswand für
eine Illuminierung und Lichtershow dienen, die der Regisseur Robert
Lepage inszeniert. Der auch «Magier des Bildes» genannte Lepage, der
in Québec-City geboren wurde, ist eine international beachtete
Theatergröße; im April 2007 wurde er mit dem Europäischen
Theaterpreis ausgezeichnet. «Eine Lightshow dieser Größenordnung hat
die Welt noch nicht gesehen», verspricht Denys Légaré.
Selbst der Winter-Karneval vom 9. bis 16. Februar steht in diesem
Jahr ganz im Zeichen des 400. Stadtgeburtstages. Wenn die Stadt
dieses Fest feiert, stehen jedes Jahr nicht nur Umzüge durch die
verschneiten Straßen auf dem Programm, sondern auch ein Bootsrennen
auf dem mehr oder weniger zugefrorenen St.-Lorenz-Strom gehört dazu.
Dabei müssen die Boote streckenweise über das Eis geschoben werden.
Québec besitzt ein ausgeprägtes Kontinentalklima mit starken
Temperaturgegensätzen: Die Sommer sind warm und sonnig, oft erreichen
die Höchsttemperaturen im Juli 30 Grad und mehr. «Dafür ist unser
Winter sehr streng und sehr lang. Dann fallen unglaublichen
Schneemengen», sagt Elyse Busque von Tourisme Québec.
Québec-City ist von einer schönen Hügellandschaft umgeben. Zehn
Kilometer nordöstlich donnern die mächtigen Montmorency-Wasserfälle
über eine Felskante ins Tal. Mit 84 Meter Fallhöhe sind sie höher als
die Niagara-Fälle. In strengen Wintern friert der Wasserfall nach und
nach zu. Dann bilden sich bizarre Eisformationen, und dort, wo im
Sommer die Gischt sprüht, wächst ein großer Pilz aus Eiskristallen.
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Das einstige Schlachtfeld Plaines d'Abraham ist inzwischen ein
Teil einer großen Grünanlage, des Parc de Champs-de-Bataille. Jogger,
Spaziergänger und Mountainbiker sind hier unterwegs und hinterlassen
einen überaus friedlichen Eindruck. Doch dieser Ort hat eine blutige
Geschichte: Im Jahr 1759 trafen auf den Plaines d'Abraham die Heere
der Franzosen und Engländer zu einer Entscheidungsschlacht
aufeinander. Bei dem Gemetzel, das nur 20 Minuten dauerte, kamen auch
die beiden Heerführer, der englische General Wolfe und der
französische General Montcalm, ums Leben. Die Engländer siegten.
Die Karten für die weitere Entwicklung des Kontinents wurden damit
im heutigen Québec-City neu gemischt: «Neufrankreich» hörte auf zu
existieren, die Franzosen mussten ihre Besitzungen den Engländern
überlassen. Seitdem wird in Nordamerika hauptsächlich Englisch
gesprochen. Hauptsächlich - aber nicht überall. Denn den Menschen in
Québec wurde sprachliche, kulturelle und religiöse Eigenständigkeit
zugebilligt. Damit erhofften sich die Briten, das Wohlwollen der
Bevölkerung zu sichern. Denn weiter südlich gab es für sie neue
Probleme: Der amerikanische Unabhängigkeitskrieg war ausgebrochen,
und kurz darauf belagerten US-Truppen auch die Festungsstadt Québec.
Heute ist die Zweisprachigkeit Kanadas in der Verfassung
verankert, Fernsehen und Rundfunk in der Provinz Québec senden auf
Französisch. Franzosen, die als Touristen hierher reisen, machen sich
allerdings gelegentlich über die Sprache lustig und meinen, es
handele sich um «Vulgärfranzösisch». Auffällig ist auch die häufige
Vermischung von Englisch und Französisch, von Spöttern als
«Franglais» bezeichnet. Das Mischen der Sprachen passiert den
gastfreundlichen Québecern vor allem im Umgang mit Touristen. Um mit
Besuchern zu kommunizieren, die Französisch nicht beherrschen, raffen
sie ihr ganzes Englisch zusammen. Und so murmelt auch Winzer Donald
Bouchard bei der Suche nach seiner Lesebrille: «Where is my lunette?»
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