Wengen (dpa) - 11. November 2008
Im Winter nach Wengen: Schneeschuhwandern und «Homemade Glühwein»
Für den Lokführer muss es ein erhebendes Gefühl
sein: Auf der Strecke von Lauterbrunnen nach Wengen geht es fast
immer bergauf. Der Blick ins Tal über verschneite Häuserdächer und
über Berghänge voller schneebestäubter Baumwipfel hat schon was für
sich. Wie um die Postkartenidylle im Berner Oberland perfekt zu
machen, plätschert an der Bergwand neben den Gleisen das Wasser ins
Tal. Am Horizont liegen auf der einen Seite die hoch aufragenden
Gipfel im Schatten, auf der anderen leuchtet der Schnee in der Sonne.
Etwas merkwürdig ist nur die Mischung der Passagiere in den
Waggons der Wengernalpbahn. Ungefähr die Hälfte sind Schüler, die für
die Landschaft nicht viel übrig haben - die andere Hälfte ist nur
ihretwegen überhaupt gekommen. Viele tragen bereits Skistiefel,
klammern sich an ihre Skistöcke und können es kaum erwarten, in
Wengen auf die Piste zu kommen. Die erste Hürde, die sie dafür nehmen
müssen, ist das unfallfreie Aussteigen am glasüberdachten Bahnhof.
Mit voller Ausrüstung ist das nicht ganz einfach angesichts der
vielen Besucher, die jeden Tag anreisen.
Sie kommen alle mit der Wengernalpbahn - und zwar schon seit 1893.
Der traditionsreiche Wintersportort nicht weit entfernt von Eiger,
Mönch und Jungfrau ist autofrei. Gepäck wird in kleinen Elektrokarren
in die Hotels gefahren. Gerade 1500 Menschen leben hier permanent.
Wengen wäre deshalb still und beschaulich, wenn es keine Touristen
gäbe. Die Mehrzahl von ihnen kommt im Winter. Es gibt Gäste, die sind
dann zwei Wochen jeden Tag auf den insgesamt 215 Kilometer langen
präparierten Pisten und verlassen das Dorf nicht ein einziges Mal.
Dabei gibt es in der unmittelbaren Umgebung eine Reihe weiterer
Wintersportorte mit klingenden Namen. Und auch wer gar nicht aufs
Abfahren abfährt, hat genug Alternativen.
Schneeschuhwandern etwa gehört zu den Aktivitäten, die im Berner
Oberland immer beliebter werden. Doris Schmied zum Beispiel schwört
darauf. Die diplomierte Wanderleiterin stammt eigentlich aus der
Gegend um Basel. «Der Liebe wegen» ist sie nach Lauterbrunnen
gezogen. Und die Faszination für die hochalpine Winterlandschaft
bringt sie immer wieder dazu, die Schneeschuhe unterzuschnallen.
Eine ihrer Lieblingsstrecken führt vom kleinen Dorf Isenfluh
zunächst nach Sulwald auf gut 1500 Meter Höhe. Für die Strecke bietet
sich die «Luftseilbahn» an, die Platz für «8 Personen oder 1 Kuh»
bietet, wie in der Kabine zu lesen ist. Oben in Sulwald leben nur
zwei Familien. «Die Kinder fahren morgens mit der "Luftseilbahn"
runter und mit dem Postauto zur Schule», erzählt Doris. Wenn sie dann
nachmittags zurückkommen, haben sie ein Schneeparadies für sich: «Es
ist ein Rückzugsgebiet für viele Wildtiere», sagt die Wanderleiterin,
während ihre Begleiter die Schneeschuhe an den Stiefeln befestigen.
Doris stapft voran, zunächst auf klar erkennbaren Wegen mitten
durch eine tief verschneite Winterlandschaft unter blauem Himmel,
erklärt, wie man Neuschnee von altem unterscheidet und wie man
Tierspuren deutet: «Schaut mal, das sind frische noch von heute
Morgen», sagt sie. «Das war ein Schneehase und das vielleicht ein
Marder.» Auch Gämsen leben hier. «Vor drei Jahren hatten wir sogar
einen Wolf», erzählt Doris. «Er ist dann aber von einem Zug
überfahren worden, genau hier unter uns.» Am Horizont sind die
verschneiten Dächer der Häuser von Interlaken zu erkennen und davor
die Bahngleise.
Schneeschuhwandern macht Spaß, gerade bei sonnigem Wetter - aber
es ist auch anstrengend. Es kann passieren, dass man mit einem Bein
durch die Schneedecke bricht und bis zu den Hüften einsinkt. Doris
hat an diesem Tag die Mäder-Alp angepeilt. Sie liegt in 1600 Metern
Höhe, und der Schnee kann hier im Winter locker 1,50 Meter hoch sein.
Dafür strahlt die Sonne. «Es ist eine meiner liebsten Ecken hier»,
sagt Doris. Der Schnee glitzert, die Landschaft vor dem Hintergrund
der Bergriesen ist unglaublich still.
Auf der Alp bietet sich ein 360-Grad-Panorama mit Blick auf die
Gipfel inklusive der Eiger-Nordwand. «Genau dort ist der Ueli Steck
hochgegangen.» Vor dem Speed-Kletterer haben in der Region alle einen
Heidenrespekt: «Er hat die Nordwand in 2 Stunden und 47 Minuten
geschafft.»
Da geht es beim Schneeschuhwandern doch gemächlicher zu, und die
vermeintlichen Höchstleistungen der Gruppe schrumpfen angesichts
solcher Dimensionen gewaltig. Dennoch entwickelt, wer in den Bergen
unterwegs ist, erstaunlichen Appetit. Da trifft es sich gut, dass auf
dem Weg bergab das «Sulwaldstübli» strategisch günstig am Weg liegt.
Dort wird ein Käsefondue aufgetischt, mit dem sich alle Kalorien, die
beim Wandern verbrannt wurden, in kurzer Zeit wiedergewinnen lassen.
Nun gäbe es die Möglichkeit, mit der «Luftseilbahn» - für «8
Personen oder 1 Kuh» - wieder talwärts zu fahren. Aber das ist die
Variante für Spaßbremsen. Deutlich mehr Unterhaltungswert hat die
Abfahrt mit dem Velogemel. Das Gefährt aus Eschenholz mit Sitz und
Lenkstange erinnert an ein Fahrrad, hat aber statt Rädern zwei
schmale bewegliche Kufen. Der Schreiner Christian Bühlmann aus
Grindelwald hat sich diesen «einspurigen Lenksportschlitten» 1911
patentieren lassen.
Die Kreuzung aus einem Rad - in der Schweiz «Velo» genannt - und
einem «Gemel», wie Schlitten in Grindelwald heißen, wurde schon bald
populär: Vom Briefträger und Metzger bis zum Arzt wurde das Velogemel
als die schnelle Alternative auf dem Weg nach unten genutzt. Heute
ist es mehr eine Gaudi als ein Alltags-Fortbewegungsmittel. Auf der
Strecke runter nach Isenfluh lässt es sich ideal ausprobieren:
Schnittig geht es in die Kurven, das Steuern ist kein Problem, und
das Tempo provoziert Erinnerungen an den infantilen
Geschwindigkeitsrausch beim Schlittenfahren in Grundschulzeiten.
Wintersport im Berner Oberland hat manchmal aber auch eine
britische Note - Curling ist der beste Beweis dafür. Die etwas
kuriose Sportart ist vor allem bei den britischen Gästen schwer
angesagt: «Engländer und Schotten spielen manchmal stundenlang», sagt
Vasco Duarte da Costa. Er selbst ist 15, spielt im Verein und zeigt
Touristen in Wengen, die von all dem keine Ahnung haben, worauf es
ankommt: Üblicherweise treten zwei Mannschaften mit vier Spielern
gegeneinander an, die flache, ziemlich schwere Steine über den
eisglatten Untergrund schlittern lassen müssen.
Das sieht bis an die Grenze der Albernheit einfach aus, ist aber
kein Kinderspiel. Schon die Stoßtechnik ist nichts für Grobmotoriker.
Spaß macht es trotzdem. Das ist der Grund, warum auf dem Kunsteisfeld
vor und in der Halle mitten in Wengen im Winter jeden Tag Teams mit
großer Begeisterung beim Curling zu sehen sind. Die Steine bewegen
sich zwar schnell übers Eis - aber sie stoppen selten da, wo man sie
hin haben möchte. Und nur wenn sie genau im Kreis am Ende der Bahn
landen, bringen sie einen Punkt.
Damit sie besser flutschen, sollten ein, zwei Teammitglieder das
Eis direkt vor dem Stein schnell noch mit dem Besen bearbeiten. Das
macht die Bahn glatter und den Stein schneller. Solche Manipulationen
sind erlaubt und Teil der Taktik. «Hey, hey, hey, ha!», feuert ein
englisches Team lautstark ihren Stein an. Das bringt zwar nichts,
trägt aber zur Stimmung bei - Curling ist zwar olympisch, aber auch
ein Wettkampf, bei dem es nicht immer zu ernst zugehen sollte. Und es
passt durchaus, wenn zwischendurch kulinarische Spezialitäten des
Berner Oberlands gereicht werden: Neben Vogelbeerkrapfen und Alpkäse
ist dabei auch Alpenkräuterlikör erlaubt.
Wem anschließend der Sinn nach einem weiteren Likör steht, hat es
in Wengen nicht weit. Das kleine Dorf macht zwar nach Sonnenuntergang
einen sehr beschaulichen Eindruck. Aber das Unterhaltungsangebot ist
auf ein internationales Publikum abgestimmt: «English speaking» steht
an den Kneipentüren. «DJ Poldi» legt in «Sina's Pub» auf. Und wer auf
Karaoke steht, kann es unter dem Motto «Sing like all your favorites»
tun. Englisch ist in Wengen Zweitsprache. Im Winter stellen die
Briten die meisten Gäste, noch vor den Schweizern auf Platz zwei.
Entsprechend wirbt die «Tanne Bar» auch damit, «open every day» zu
sein und «Homemade Glühwein» im Angebot zu haben.
Die «English Church» von Wengen, ein Kirchlein am Rand des Dorfes,
wurde bereits 1928 eröffnet. Gottesdienste in Englisch gibt es
regelmäßig. Ein gewisser Bedarf an kontemplativer Erholung scheint
durchaus da zu sein: Auch in dem anderen Gotteshaus, dem der
Reformierten Kirche, gibt es nicht nur ein umfangreiches Programm an
Winterkonzerten, sondern freitags die Möglichkeit zum Abschalten bei
Kerzenschein im Altarraum. «Homemade Glühwein» wird dazu nicht
gereicht. Stattdessen gibt es «Gesänge aus Taizé». Zwischendurch
erinnert die Stille an die Mäder-Alp gegenüber der Eiger-Nordwand.
INFO-KASTEN: Wengen im Berner Oberland
REISEZIEL: Wengen liegt in 1274 Metern Höhe im Berner Oberland
südlich von Interlaken und direkt vor Eiger, Mönch und Jungfrau.
ANREISE: Für die Anreise empfiehlt sich die Bahn ab Interlaken.
Von Lauterbrunn aus fährt die Wengernalpbahn bis ins autofreie Wengen.
KLIMA UND REISEZEIT: Die Mehrzahl der Gäste kommt im Winter nach
Wengen. Im Januar werden die legendären Lauberhornrennen ausgetragen.
Auch in den Wochen danach herrscht kein Mangel an Schnee.
UNTERKUNFT: Es gibt in Wengen gut zwei Dutzend Hotels sowie rund
500 Chalets und Ferienwohnungen.
SPRACHE: Im Berner Oberland wird Deutsch gesprochen.
WÄHRUNG: Ein Euro entspricht etwa 1,49 Schweizer Franken (Stand:
November 2008).
INFORMATIONEN: Schweiz Tourismus, Postfach 160754, 60070 Frankfurt
(Kostenloses Tel.: 00800/10 02 00 30, E-Mail: E-Mail: info@myswitzerland.com).
INTERNET: Link: www.myswitzerland.com, Link: www.wengen-muerren.ch.
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