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Neapel/Pompeji (dpa) - 04. Dezember 2008

Tanz auf dem Vulkan - Trügerische Ruhe am Vesuv und Pompeji in Not

Der Meister hüllt sich in Wolken und in Schweigen. Ganz so, als wolle er den Blick verschließen für all den Müll, der sich auf den Straßen zu ihm hinauf immer noch stapelt. Im Radio der süditalienischen Millionen-Metropole Neapel ist eine erhitzte Diskussion im Gang über das jüngste Dekret aus Rom, das harte Strafen für die verkündet, die in der Gegend rund um den Vesuv verrostete Autos oder kaputte Kühlschränke einfach am Rand der Straße «entsorgen». Gelangweilt stellt der Fahrer des «Vesuv-Express» das Radio und das Fahrzeug ab, lädt das Dutzend Touristen aus. Noch ein steiles Zickzack-Stück zu Fuß und der Schlund des schlafenden Kolosses ist erreicht - der einzige aktive Vulkan auf europäischem Festland. Und dessen Ausbruch vor bald 2000 Jahren Pompeji begrub.

Oben am Kraterrand wabern undurchdringliche Schwaden über die rote Lava. Nein, hier brodelt es nicht von unten aus der Tiefe heiß hoch, droht kein tödlicher Gashauch oder ein höllisch glühender Magmastrom. Vielmehr ist der 1281 Meter hohe Vesuv am Golf von Neapel zunächst einmal einfach nur ein Berg. Und als solcher hüllt er sich oft in dicke Wolken. Von der Insel Capri aus mag das so aussehen, als wenn sich Rauch und Dampf aus dem Erdinneren Bahn brechen würden. Doch es regnet nur, nieselt unaufhörlich. Kälte und Feuchtigkeit dringen durch und durch. Auch der Andenkenverkäufer leidet, bietet lustlos seine Mineralien an und kampanischen Wein. Das soll der gefährliche Vesuv sein, von dem Forscher sagen, er könne schon bald wieder aktiv werden und das Leben von Hunderttausenden gefährden?

   Tags darauf ziert nur noch eine Wolke den Krater, die sinnigerweise genau so aussieht wie die Rauchfahnen des spuckenden Vulkans, wie sie auf jedes gemalte Bild von Neapel mit dem Vesuv gehört. Grandios steht er im Sonnenlicht über dem pittoresken Golf, doch die Fischer am Strand der Marina Grande von Sorrent drehen ihm den Rücken zu. Der Vesuv soll wieder gefährlich werden können? Sie zucken die Achseln, studieren lieber die Sportzeitung, zumal Neapels Erstliga-Club wieder famos gespielt hat. Was ihnen unter den Nägeln brennt: Wie sie sich mit ihren mageren Fangquoten über Wasser halten, das jüngste Müllchaos, die Armut in Zeiten der Wirtschaftskrise und die ungewisse Zukunft.

   Im Moment muckst er sich also nicht, zeigt nur im milden Abendlicht sein friedliches Alltagsgesicht. Doch die kleinen seismographischen Apparate am bizarren Kraterrand zeigen es und warnen. Hier muss also permanent gemessen werden, auch wenn der Vesuv in den vergangenen sechs Jahrzehnten nicht so rührig war wie etwa der Ätna. Aber genau das könne trügerisch sein, meinten italienische und französische Geologen unlängst in dem Fachblatt «Nature». Denn ein verheerender Gewaltausbruch aus der Tiefe sei wieder möglich, so wie an jenem Augusttag im Jahr 79 nach Christus, als Lavamassen nicht nur das antike Pompeji unter sich begruben und allein dort weit mehr als 12 000 Menschen töteten. Rund um die Uhr beobachten Wissenschaftler des Osservatorio Vesuviano deshalb jede Regung des Vesuvs, und der italienische Zivilschutz arbeitet an ehrgeizigen Evakuierungsplänen.

   Wenn der Neapolitaner vom Vesuv spricht, wird er philosophisch. Und eine Spur Stolz mischt sich ein: «Den sehen die Leute nicht als Gefahr. Sehen Sie, das Leben ist endlich», erklärt Hotelportier Mario dem neugierigen Gast: «Man weiß nicht, wann es passiert.» Eine Art Schicksalsergebenheit, eine mediterrane Sicht des Lebens. Zumal doch Tausende vom Vesuv leben, der die Touristenströme anzieht. Ganz zu schweigen von den Millionen, die Jahr für Jahr Pompeji oder Herculaneum besuchen, die ihre Attraktivität auch dem Vesuv verdanken.

Mit der Wetterbesserung wird auch der Blick wieder frei auf das, was damals mit Lava zugeschüttet und damit «konserviert» wurde. Mehr als 2,5 Millionen Touristen sind im Jahr 2007 nach Pompeji geströmt, fasziniert von der riesigen Ruinenstadt aus antiker Zeit. Seit 1997 auf der Liste des UNESCO-Kulturerbes, stellt Pompeji die Archäologen vor einen Berg schier unlösbarer Aufgaben. Die Größe der antiken Stadt ist es jedoch nicht allein, wenn Pessimisten «einen zweiten Untergang Pompejis» befürchten. Der Zahn der Zeit, Vandalismus und Untätigkeit bedrohen Mauern, Fresken und Wandmalereien; bürokratischer Wildwuchs und unterschiedliche Interessen behindern dringend notwendige Arbeiten.

Pompeji, das ist ein langer, faszinierender und auch ermüdender Stadtspaziergang über holpriges Pflaster in die ferne Vergangenheit. Das Labyrinth der Ruinen, Mauerstücke und Gassen ist auch das Revier von zahlreichen streunenden Hunden, vor denen gewarnt wird und die für manche nur die vierbeinige Verkörperung des Verfalls sind. Weitere Anzeichen sind die Räuber, die in dem noch unter Vulkanasche liegenden Teil Pompejis außerhalb der UNESCO-Stätte graben, und im Sommer die Halsabschneider auf der Jagd nach zahlungswilligen Touristen, die einen Parkplatz für ihr Auto suchen.

Federico ist einer der lizenzierten Führer durch die Ruinenstadt, Typ Latin Lover mit auch im Spätherbst noch sonnengebräunter Haut. Gerade erklärt er den Isis-Tempel. Aus anderen pompejanischen Gassen hallt es in vielen anderen Sprachen. Familie Schütte aus Berlin steht auf ihrer Tageswanderung vor einer der vielen Schranken - Vietato (verboten)! Eigentlich wollten sie die Thermen besichtigen, doch die werden gerade restauriert. Italien, das zeigt sich hier an allen Ecken und Enden, ist mit seinem Erbe mehr als geschlagen: Sicherung, Restaurierung und Öffnung der antiken Stätten für das Millionen- Publikum verschlingen Unsummen. Geld, das in Krisenzeiten nicht locker sitzt.

   Zum Beispiel diese Thermen, die sich die Berliner Familie so gern angesehen hätte. Mehr als eine halbe Million Euro kostet es, allein dieses kleine Stück Antike wieder auf Vordermann zu bringen. Dauernd stößt man in Pompeji auf Absperrungen ganzer Quartiere, Gassen oder Villen. Hässliche orangefarbene Plastikstreifen, zwischen Türpfosten oder Mauern gespannt, halten die Besucher zurück. Die Antike wird so zur Baustelle der Neuzeit. Hier kratzen Touristen mal wieder an dem, was von der Wandmalerei überhaupt noch übrig geblieben ist. Dort sind empfindliche Ruinen nur notdürftig gegen die Unbilden des Wetters geschützt. Und dazwischen die Highlights: Theater, Foren und Villen.

   Neugierige Besucher mögen auch bedauern, dass es so wenig Informationstafeln auf dem 44 Hektar großen Gelände gibt - wie es scheint, soll sich jeder einen Pompeji-Führer leisten müssen, einen wie Federico oder wenigstens einen dieser eher lästigen Audio-Guides mit Ohrstöpseln. Auf dem Gelände selbst ist wenig Personal zu sehen, kaum jemand schaut hier nach dem Rechten oder ist für Fragen offen. Soll Pompeji tatsächlich ein zweites Mal zugrunde gehen - an Kompetenzstreitigkeiten gleich mehrerer Behörden, an Geldmangel und an der Kluft zwischen den Prioritäten und Sorgen der Wissenschaft einerseits und den Wünschen der Besucher andererseits?

Weil der Kunstraub floriert und die Ausgrabungen vom Zerfall bedroht sind, hat die Regierung von Ministerpräsident Silvio Berlusconi im Juli den Notstand über Pompeji verhängt und einen Sonderkommissar eingesetzt. «Die Lage in Pompeji als inakzeptabel zu bezeichnen, ist noch beschönigend», schimpfte Italiens Kulturminister Sandro Bondi: Zusehends verwildert eine der meistbesuchten Attraktionen des Landes, selbst Toiletten funktionieren nicht. Und zahlreiche restaurierte, mit Fresken ausgeschmückte Villen und ein Museum bleiben für die Besucher Tabuzonen.

Wie es scheint, führt aber der Vorstoß Roms in Pompeji zu einem «Duell», wie die Turiner Tageszeitung «La Stampa» schrieb. «Der Notstand in Pompeji, das ist die Tatsache, dass zwei Drittel für die Besucher gesperrt sind», sagte Sonderkommissar Renato Profili und traf erste Entscheidungen. Das wiederum passt dem umstrittenen pompejanischen Superintendenten Pier Giovanni Guzzo überhaupt nicht. Er sieht auch keine «ernste Gefahr» und keinen Niedergang der weltweit renommierten Kulturstätte: «An die Besucher Pompejis zu denken, das darf eben nicht auf Kosten des Schutzes der Kulturgüter und der Restaurierungen gehen.» Daraus spricht der Konservierer, und so stehen sich zwei Weltanschauungen gegenüber. Profili macht sich derweil an die Sisyphusarbeit: Er lässt antike Villen öffnen und Toiletten reparieren, kümmert sich um den Brandschutz und um die Videoüberwachung.

Vom Amphitheater aus fällt der Blick auf den Vesuv, der mächtig und nicht allzu fern die antike Ruinenstadt überragt. Wissenschaftler warnen: Alle 2000 Jahre sei ein folgenschwerer Ausbruch des Vulkans zu befürchten - der letzte war vor 1929 Jahren. Weil bis zu eine Million Menschen bedroht sein könnten, müsse das Magma in acht bis neun Kilometern Tiefe genauer untersucht werden. «Wenn es dem ähnelt, das die Eruption im Jahr 79 erzeugt hat, kann man von einem äußerst gefährlichen Ausbruch in der Zukunft ausgehen», erklärt Bruno Scaillet vom französischen Geowissenschaftlichen Institut in Orléans. Sollte ein «Gesteinskorken» im Vulkanschlund dem Magma den Weg versperren, baut sich enormer Druck bis zur heftigen Eruption auf.

Bauverbote in Vulkannähe und finanzielle Umzugsanreize für all diejenigen, die in der gefährdeten «Roten Zone» rund um den Vesuv wohnen, haben nichts daran geändert: Hunderttausende leben in einem Kranz von 17 Dörfern und Kleinstädten am Fuße des Berges. «Niemand weiß heute, wann der nächste Ausbruch kommt», sagen Neapels Vulkanologen, die den Vesuv Tag und Nacht beobachten.

Die geophysischen und -chemischen Parameter werden verglichen, jede Abweichung ausgewertet. «Vorläufer eines Ausbruchs können wir jedoch schon lange vorher feststellen, derzeit ist aber alles im grünen Bereich», heißt es im Osservatorio Vesuviano. Fluchtpläne gibt es jedenfalls. In den Sternen steht somit, was die antike Welt mehr bedroht - die Launen des Vulkans oder der langsame Zerfall.

 

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