Bandiagara (dpa) - 20. Januar 2009
- In dem Club hoch über den Dächern Berlins sieht
Dem Reiseleiter stehen die Schweißperlen
auf der Stirn - nicht nur der Hitze wegen. Gerade hatte ein
ahnungsloser Tourist mit seinem Rucksack einen der locker
aufgeschichteten Sandsteine aus einer Umfassungsmauer zum Wackeln
gebracht. «Um Himmels willen. Aufpassen! Wäre der Stein
heruntergefallen, hätten wir hier jetzt ein stundenlanges Palaver.
Das wäre ein schlimmer Tabubruch.» Denn hinter der Mauer wohnt der
Hogon des Dorfes Djigibombo, eine Art Hohepriester. Und die Dogon im
westafrikanischen Mali glauben, dass ein herabfallender Stein aus
dieser Mauer Unglück über das ganze Dorf bringen würde.
Schon vor dem Besuch des ersten Dogon-Dorfes hatte Said El Idrissi
el Bechkaoui, Studienreiseleiter aus München, die Gruppe auf die
Regeln eingeschworen: Nie vom Pfad abweichen. Immer im Gänsemarsch
dem einheimischen Dorfführer folgen, der stets vorangeht. Sich nie
ohne zu fragen auf irgendwelche Steine setzen, auch wenn sie geradezu
einladend neben einer Hütte herumliegen.
Die Besichtigung der abgelegenen und schwer zugänglichen
Dogon-Dörfer im südöstlichen Mali unweit der Grenze zu Burkina Faso
ist kompliziert: Überall lauern Dämonen, und fast an jeder Hausecke
könnte ein nichtsahnender Europäer ins Fettnäpfchen treten und eines
der vielen Tabus verletzen. Manche Wege und Plätze sind für Frauen
verboten, andere für Männer.
Die Dogon leben in mehreren hundert kleinen Dörfern an der Falaise
von Bandiagara, einem 300 Meter hohen Felsabsturz, der sich nach
Süden zur Gondo-Ebene öffnet. Bis heute kleben viele der Dörfer wie
bizarre Nester an den gelbroten Sandsteinfelsen. Je weiter man sich
vom Hauptort Sanga entfernt, der über eine Straße von Mopti aus zu
erreichen ist, desto ursprünglicher wird das Alltagsleben.
In Niongono, das man nach zwei Stunden Fahrt mit dem Geländewagen
von Bandiagara aus über eine Buschpiste erreicht, gibt es keinen
Strom, kein Beton, kein Wellblech, keinen Plastikmüll. Der nächste
Markt ist erst nach drei Stunden Fußmarsch zu erreichen. Das ganze
Dorf ist aus Sandsteinen und Lehm gebaut, die Hirsespeicher tragen
Mützen aus Stroh. Eine Gruppe Kinder eilt herbei und singt zur
Begrüßung ein Lied, einfach so. Frauen stampfen Hirse unter
Baobab-Bäumen, Männer bewässern am Dorfrand sattgrüne Zwiebelfelder.
Die Dogon haben sich bis heute ihre animistischen und
patriarchalischen Traditionen bewahrt, auch wenn der Islam inzwischen
die meisten Dörfer erobert hat. «Mehr als 50 Prozent der Dogon sind
Muslime, aber zugleich sind 100 Prozent auch Animisten», sagt Said El
Idrissi, Islamwissenschaftler und Reiseleiter. Viele Dogon haben sich
bislang dem Islam entziehen können. Ahnenverehrung, religiöse Kulte
und der Glaube an die kosmischen Kräfte bestimmen ihr Leben.
Ihrem Glauben zufolge schuf Amma, der einzige Gott, Himmel und
Erde, Sonne, Mond, Sterne und mehrere Untergötter. Für die Sonne nahm
er rotes Kupfer, das er erhitzte, für den Mond dagegen weißes Kupfer.
Einen Menschen schuf er bei hellem Licht, deshalb wurde er schwarz,
einen anderen bei schwachem Mondlicht, und deshalb «sehen die Weißen
so bleich aus wie Larven». Zu den wichtigsten Kulten zählt der
Maskentanz, der als Totenfeier zelebriert wird und normalerweise
mehrere Tage dauert. Für die «bleichen Larven» - die Touristen - wird
der Maskentanz heute in bestimmten Dörfern aber auch als einstündige
Veranstaltung gegen Bezahlung aufgeführt.
Andere Traditionen sind für einen Europäer dagegen kaum
tolerierbar, etwa die Beschneidung der Mädchen, die auf eine
Genitalverstümmelung hinausläuft. Bis heute wird jedes Dogon-Mädchen
beschnitten. «Ja, die Mädchen freuen sich sogar darauf, es ist für
sie ein Festtag», sagt Dorfführer Amadou Karibé. Die Besucher
erfahren, dass die Beschneidung der jungen Mädchen tief in der
Mythologie der Dogon verankert und eng mit der Schöpfungsgesichte
verbunden ist. Immerhin ahnt man jetzt, warum eine solche Tradition
nicht so einfach aus der Welt geschafft werden kann, obwohl auch in
Mali die Beschneidung der Mädchen seit langem offiziell verboten ist.
Auch die Jungen werden nicht verschont. Alle drei Jahre findet für
die Jugendlichen dreier Jahrgänge ein gemeinsames Initiationsritual
statt. In dem Dorf Songo versammeln sie sich für mehrere Wochen unter
einer überhängenden, reich bemalten Felswand oberhalb des Dorfes. Der
Dorfschmied nimmt die Beschneidung vor - für die Jungen ist es zwar
nur ein kurzer Schnitt, aber der wird ohne Betäubung ausgeführt.
Amadou Karibé erklärt das komplizierte Ritual: «Die Jugendlichen
dürfen dabei nicht weinen oder schreien», sagt er. Doch es gibt eine
kleine Hilfe: Bei der Beschneidung stehen die anderen Jungen daneben
und singen laut. «Auf diese Weise wird der eine oder andere
Schluchzer übertönt.» Ist nach zwei, drei Wochen alles verheilt,
feiert das Dorf ein großes Fest.
Höhepunkt ist ein Wettlauf der frisch gekürten Männer. Sie rennen
von einem großen Mangobaum am Dorfrand hinauf zur Felswand und
schlagen mit der Hand auf einen runden Kreis. Wer erster wird, erhält
von der Dorfgemeinschaft einen gefüllten Hirsespeicher. Der zweite
bekommt das schönste Mädchen des Dorfes und der dritte ein Rind. «Bei
Ihnen in Europa wäre die Reihenfolge vielleicht anders. Doch hier ist
die Hirse das wichtigste», sagt Amadou.
INFO-KASTEN: Dogonland in Mali
ANREISE UND FORMALITÄTEN: Air France fliegt täglich von
verschiedenen deutschen Flughäfen über Paris nach Bamako, der
Hauptstadt Malis. Deutsche Staatsangehörige benötigen für die
Einreise nach Mali ein gültiges Visum. Der Reisepass muss noch
mindestens sechs Monate lang gültig sein.
REISEZEIT: November bis März.
GESUNDHEIT: Eine gültige Impfung gegen Gelbfieber ist für alle
Reisenden vorgeschrieben. Das Auswärtige Amt empfiehlt außerdem
Impfungen gegen Tetanus, Diphtherie, Polio und Hepatitis A sowie eine
Malariaprophylaxe.
INFORMATIONEN: Botschaft der Republik Mali, Kurfürstendamm 72,
10709 Berlin (Tel.: 030/319 98 83, Internet: Link: www.ambamali.de),
Internet: Link: www.auswaertiges-amt.de.
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