Meißen (dpa) - 27. Februar 2009
Das Weiße Gold aus Sachsen: Eine Reise auf den Spuren des Porzellans
In der Porzellan-Manufaktur Meissen können
Besucher dabei zusehen, was sich aus dem kostbaren Material alles
machen lässt. Erst ist es nur ein grauer Klumpen. Nils Hoffmann beugt
sich konzentriert darüber und formt mit angefeuchteten Händen eine
kleine, runde Schüssel. Er streicht die Oberfläche glatt und stellt
das Stück auf die Arbeitsplatte. Hoffmann ist Industriekeramiker in
der Staatlichen Porzellan-Manufaktur - und das schon seit 25 Jahren.
Eigentlich wollte der 41-Jährige als Dreher arbeiten. Doch seine
Großmutter beschied ihm vor vielen Jahren ein anderes Talent. «Ich
bin ihr sehr dankbar, dass sie mir geraten hat, diese Ausbildung hier
zu machen - es ist wunderbar, mit Porzellan zu arbeiten», sagt er.
«Wenn man einmal in Meißen gelernt hat, möchte man nie wieder
woanders arbeiten - und im Grunde genommen ist man für die Arbeit in
einer anderen Manufaktur auch überqualifiziert», sagt Hoffmann.
Ähnlich sieht das Karmen Friedrich. Seit 1970 arbeitet die 54-Jährige
als Bossiererin in der Manufaktur, die zu den wichtigsten
Touristenattraktionen in Meißen zählt. Karmen Friedrich modelliert
aus dem Rohstoff Einzelteile wie Engelsflügel, Nasen und Hände sowie
allerhand Getier und Pflanzen und fügt diese an die Grundform an,
sodass daraus am Ende beispielsweise eine reich verzierte Vase
entsteht.
«Hier zu arbeiten, ist schon etwas Besonderes», sagt sie. Ob man
nicht ab zu und zu in die Versuchung kommt, einer kleinen Figur aus
Spaß eine krumme Nase anzubasteln oder einen Finger wegzulassen - nur
um dem Stück dadurch die eigene, persönliche Note zu verleihen?
«Niemals! Nein, Fehler erlaubt man sich hier einfach nicht, und dafür
sind unsere Stücke auch viel zu kostbar», lautet die entschiedene
Antwort.
Wertvoll und erlesen ist das Material, mit dem Nils Hoffmann und
Karmen Friedrich und mit ihnen etwa 400 weitere Porzellanmaler und
-gestalter sowie 15 Auszubildende in der weltberühmten Manufaktur in
Sachsen arbeiten. Gewonnen wird der Stoff, aus dem nach dem
Brennvorgang bei 1450 Grad Celsius das berühmte Porzellan wird, aus
Kaolin. Seit fast 250 Jahren wird es im firmeneigenen und rund zwölf
Kilometer von Meißen entfernten Bergwerk in Seilitz abgebaut. Zu den
65 Prozent Kaolin-Anteil kommen Quarz und Feldspat. Die
Zusammenstellung sowie etwa 10 000 Rezepte zur Farbenherstellung
werden im hauseigenen Labor aufbewahrt und unterliegen strengster
Geheimhaltung.
Wirtschaftsspione haben davor heute wenig Respekt. Zigtausendfach
wurden sowohl Designs der Meissener Manufaktur als auch die
Herstellung des Porzellans kopiert. Ganz oben auf der Hitliste stehen
dabei die berühmten Meissener Dekors «Zwiebelmuster» und «Voller
grüner Weinkranz», besser bekannt unter «Weinlaub», das sich seit der
ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts dunkelgrün rankend auf strahlend
weißen Weinkrügen, Tellern und Schüsseln präsentiert.
Doch obgleich die Herstellung des Weißen Goldes schon lange nicht
mehr der Manufaktur in Meißen oder der im benachbarten Potschappel
liegenden Sächsischen Porzellan-Manufaktur Dresden vorbehalten ist,
gilt die Gegend um Dresden als die Wiege des europäischen Porzellans,
das gut 300 Jahre alt ist: Es war im Jahr 1708, als hier unter der
Führung des Alchimisten Johann Friedrich Böttger das erste Stück
Porzellan gebrannt wurde. 1709 berichtete Böttger dem sächsischen
Kurfürsten August dem Starken über die Erfindung «des weißen und des
roten Porzellans». Im Januar 1710 gab die sächsische Hofkanzlei die
Erfindung des Porzellans und Gründung einer Manufaktur bekannt.
Diese wurde sechs Monate später auf der Albrechtsburg in Meißen
eingerichtet. Noch im selben Jahr wurde das weiße Porzellan auf der
Leipziger Messe vertrieben. Und weil August den Umbau des heutigen
Dresdner Japanischen Palais in ein Porzellanschloss plante, verkaufte
er außerdem 600 seiner Soldaten an den Preußenkönig Friedrich Wilhelm
I. Im Gegenzug erhielt er 151 ostasiatische Porzellane, von denen die
größten Stücke noch heute die Dresdner Porzellansammlung als
«Dragonervasen» zieren.
Augusts Pläne für ein Porzellanschloss blieben zwar unvollendet,
und der Kurfürst hinterließ der Meissner Porzellanmanufaktur nach
seinem Tod 1733 rund 48 000 Taler Schulden. Dennoch hat die Stadt
Dresden dem umtriebigen Herrscher zwei ihrer bekanntesten
Touristenmagnete zu verdanken: das Japanische Palais mit seiner
geschwungenen Dachform und dem Giebelrelief «Die porzellanerzeugenden
Länder bringen Saxonia ihre Schätze dar» sowie eine Sammlung von rund
20 000 Porzellanstücken, die im Dresdner Zwinger gezeigt werden.
Damit ist diese Sammlung heute das weltweit größte Museum seiner
Art, denn hier ist auch das ab dem Jahr 1738 entstandene und aus 1400
Einzelteilen bestehende «Schwanenservice» zu sehen - das größte und
prunkvollste Service, das je eine Porzellanmanufaktur schuf.
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