Ponto de Sôr (dpa) - 04. September 2009
Ernte im Korkeichenwald - Schutzraum für Luchs und Adler
Ein paar Axthiebe in die schwarzgraue Rinde,
eine kurze Drehung der scharfen Schneide, dann schiebt der Mann auf
der Leiter den Stiel als Hebel in den Spalt, und mit einem
schmatzenden Geräusch löst sich der Kork vom Stamm. Mitten im
Hochsommer ist Ernterzeit im Korkeichenwald bei Ponto de Sôr im
Alentejo-Gebiet nordöstlich von Lissabon.
Der Forsttechniker Nuno Manano streichelt einen wohl 150 Jahre
alten Stamm. Der nach dem Schälen zurückbleibende «Mutterkork» am
Baum leuchtet ockergold. Bis zur nächsten Ernte wird die Rinde
langsam wieder dick und schwarzbraun. «Korkeichen werden 200 Jahre
alt, 25 Jahre muss man bis zur ersten Ernte warten», sagt Manano.
«Dann darf alle 9 Jahre geerntet werden.» Die Rinde wird weiß mit
einer «7» für das Erntejahr 2007 markiert. Ein großer Baum erbringt
bis zu 60 Kilogramm Borke für 4000 Korken.
Im «Montado», dem lichten Korkeichenwald, arbeiten die Ernteteams
schnell und sicher. Nicht weit ab grasen Rinder. Reiher und Störche
fliegen vorbei. 160 Vogelarten leben im Montado, 13 000 oft hoch
spezialisierte Pflanzenarten haben hier ihren Ursprung. Bedrohte
Tiere wie der Spanische Königsadler und der Iberische Luchs finden in
den Korkeichenwäldern Portugals und Spaniens den letzten Lebensraum.
«Ohne die Korkeichen würde das Ökosystem schrecklich leiden», sagt
Manano. Denn die wirtschaftliche Alternative zum Korkeichenwald sind
schnell wachsende Eukalyptusbäume. «Man sagt hier: Eukalyptus pflanzt
Du für Dich, Pinien für die Kinder und Korkeichen für Deine Enkel.»
Die ökologisch armen, Grundwasser fressenden Eukalyptus-Monokulturen
dienen zur Papierherstellung. «Eukalyptus ist zudem gefährlich,
brennt wie Zunder, während Korkeichen mit ihrer dicken Borke sogar
Waldbrände überstehen», sagt Manano. «Das Feuer versengt nur die
äußerste Schicht».
Die dicken Korkplatten werden auf den Anhänger eines Traktors
gestapelt. «Der Kork wird jetzt sofort zur Lagerung in die Fabrik
gebracht, nicht mehr im Wald gelagert wie früher.» Denn am Boden kann
am leichtesten Schimmel und damit TCA entstehen - das für den
muffigen Geschmack im Wein verantwortliche Trichloranisol.
«TCA entsteht, wenn Schimmelpilze mit den Phenolen aus Pestiziden
reagieren», erklärt später der Chemiker Paulo Lopes in einer
Korkfabrik in Ponto de Sôr. Dort werden die gelblich schimmeligen
Teile des Korks deshalb nach mehrmonatiger, luftiger Lagerung im
Freien abgeschnitten.
Danach wird die bis zu acht Zentimeter dicke Rinde mehrfach in
großen Druckkesseln in immer wieder gefiltertem Wasser gekocht. Dabei
weicht der Kork auf, die Zahl der Mikroorganismen wird stark
verringert. Proben kommen zur Geruchsprobe und zur TCA-Analyse im
Gas-Chromatographen ins Labor. Ganze Korken werden nun aus der Rinde
herausgestanzt. Alles andere wird zu Korkscheiben oder Korkgranulat
verarbeitet, meist für so genannte technische Presskorken. Auch
Champagner hat einen Presskorken mit zwei aufgeklebten Korkscheiben.
«Kein Gramm Kork wird verschwendet», sagt Fabrikdirektor Goncalo
Pereira Veloso in Ponto de Sôr. Was für Korken nicht taugt, wird zur
Herstellung von Dämmmaterial oder Fußbodenbelag verwendet.
Plattenstapel liegen zum Export nach China bereit, für die
Herstellung von Badminton-Bällen und Tischtennisschlägern. «Mit dem
Holz gefällter Bäume und Korkstaub erzeugen wir die Hitze für das
Abkochen der Korkplatten», sagt Veloso. Und was beim Reinigen des
Kochwasser als braunschwarzer Schlamm herausgefiltert wurde, kommt
schließlich als Dünger aufs Feld.
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