Venedig (dpa) - 29. Oktober 2009
Glaskunst aus Venedigs Murano ist weltweit gefragt
Zuerst ist es nur ein murmelgroßer Klumpen.
Doch als der Glasmacher etwas Luft hineinbläst, dehnt sich das Glas
aus und wächst zu einer immer größeren Blase heran. Nur wenige
Minuten später ist Livio Serena fertig: Ein dunkelroter, in der Mitte
schlank zulaufender Weinkelch steht vor ihm auf der Arbeitsfläche -
eines von Hunderttausenden von Produkten, die jährlich auf der bei
Venedig gelegenen Insel Murano nach Geheimrezepten gefertigt und in
die ganze Welt geliefert werden.
«Die Arbeit mit Glas sieht zwar sehr einfach aus, erfordert aber
sehr viel Geschick und Erfahrung», erklärt Gaetano Mainenti, Leiter
der Kulturabteilung der weltweit einzigen Glasschule «Abate Zanetti»
in Murano. Daher gibt es auch keine feste Ausbildung zum Glasmacher.
«Es ist vielmehr ein lebenslanger Lernprozess.» Nur wer wie Livio
Serena auf der Insel geboren und aufgewachsen ist und sich Jahrzehnte
später als Experte einer eigenen Glastechnik etabliert hat, erklimmt
schließlich den Olymp der Glasmacher und kann sich «Maestro» nennen.
Diesen Titel tragen nur rund 150 Glasmacher auf Murano - dennoch
lebt die kleine Insel nordöstlich von Venedigs Zentrum noch immer
hauptsächlich von der Glasproduktion. Unzählige Geschäfte reihen sich
in der Fondamenta dei Vetrai und der Fondamenta Cavour aneinander und
bieten von kleinen Perl-Ohrringen über zarte Tiermodelle bis hin zu
opulenten Kronleuchtern vieles an. Aus den Werkstätten in den
Nebenstraßen sind das Brummen der rund um die Uhr brennenden Öfen
sowie das ständige Klappern der Blasrohre und Werkzeuge zu hören.
So werden Jahr für Jahr tausende Vasen, Trinkbecher, Schalen,
Lampenschirme, Ketten und filigrane Figuren in allen Preisklassen
hergestellt. Wie viele genau ist unbekannt: «Die einzelnen
Werkstätten geben nur sehr wenig über ihre Glasproduktion preis, weil
sie nicht wollen, dass die Konkurrenz zu viel über sie erfährt», sagt
Alessandro Venerio von der Vereinigung der venezianischen Glasmacher
Promovetro. Vor allem die Zusammensetzung des Glases ist ein gut
gehütetes Geheimnis. Als die Glasmacher wegen der Angst der
Venezianer vor Bränden mit ihren Schmelzöfen vor Jahrhunderten nach
Murano gehen mussten, geschah das auch, um die Glasindustrie besser
vor Eindringlingen schützen zu können.
Tatsächlich werden die Rezepte und Kniffe bis heute nur von
Generation zu Generation innerhalb der einzelnen Familien
weitergegeben. Da Touristen die Besonderheit des venezianischen
Glases aber meist nicht mit bloßem Auge erkennen können, werden in
Murano und vor allem in den Touristenläden im Zentrum Venedigs auch
billige Fälschungen aus China angeboten. Deswegen hat die Vereinigung
Promovetro vor kurzem ein Echtheitszertifikat eingeführt, das bereits
an vielen Produkten der Insel klebt.
|