Valverde (dpa), - 03. Januar 2010
Kanaren ohne Massentourismus: El Hierro ist Spaniens grünste Insel
So also müssen Teneriffa und Gran Canaria vor
gut 30 Jahren ausgesehen haben: Vom Mirador de Jinama schweift der
Blick weit über das El-Golfo-Tal auf der Insel El Hierro. Zwischen
Weinfeldern, Bananen- und Ananasplantagen erhebt sich romantisch auf
einem Hügel der frei stehende Glockenturm der Pfarrkirche von
Frontera. Aus Angst vor Piraten bauten die Einwohner das dazugehörige
Kirchenschiff unterhalb des Hügels, damit man vom Meer aus nicht die
prächtige Kirche sehen konnte, die Seeräuber womöglich auf dumme
Gedanken gebracht hätte.
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)/ Nur zwei, drei weitere Bergdörfer sind aus der luftigen Höhe an
der Nordküste El Hierros zu erkennen. Dabei gehört das fruchtbare
El-Golfo-Tal noch zu den am dichtesten bewohnten Regionen der Insel.
Das Leben auf dem kleinsten und westlichsten Eiland der Kanarischen
Inseln ist ruhig und beschaulich. Es gibt keine größeren Städte,
keine Industrie, keine Autobahnen. Die knapp 10 500 Inselbewohner
leben hauptsächlich vom Fischfang oder bauen Ananas, Bananen, Mangos,
Papayas, Wein, Kartoffeln und Feigen an. Der Massentourismus, der von
den anderen Kanaren-Inseln mit all seinen negativen Folgen Besitz
ergriffen hat, ist an El Hierro praktisch spurlos vorbeigegangen.
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)/ Gerade einmal 60 000 Touristen kommen pro Jahr auf die Insel, die
nur über zehn mittelgroße Hotels verfügt. Die Einwohner haben sich
bisher so bewusst gegen den Massentourismus entschieden, dass es
nicht einmal vom spanischen Festland Direktflüge auf die Insel gibt.
Überraschenderweise kennen auch die Einwohner anderer Kanaren-Inseln
El Hierro nur selten. So nennen die Herreños ihre Insel auch heute
noch «die Vergessene» - das allerdings könnte sich schon bald ändern.
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)/ Nicht nur wegen der riesigen Kiefernwälder, die im gebirgigen
Inselinneren die bis zu 1000 kleinen Vulkankrater durchziehen, soll
El Hierro als «grüne» und nicht mehr als «vergessene» Insel in die
Urlaubsbroschüren eingehen. Ende 2009 wird sie die erste große
bewohnte Insel der Welt sein, die ihren gesamten Energiebedarf aus
erneuerbaren Quellen bezieht. Dafür ist auf El Hierro nicht viel
nötig: Drei Windräder und zwei Wasserkraftwerke reichen aus. Das
Energieprojekt passt zum gewünschten Image der «grünen Insel». Schon
seit Jahren bemüht sich die Inselregierung darum, ihr Eiland als
«ökologische Insel» touristisch und wirtschaftlich zu vermarkten.
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)/ «Wir haben keine langen, weißen Sandstrände wie Gran Canaria, und
die Insel ist nur schwer zu erreichen. Deshalb müssen wir uns
Marktlücken wie den umweltbewussten Qualitätstourismus suchen oder
uns gegen die Großproduktionen auf Teneriffa mit ökologisch
angebauten Obst auf dem Markt durchsetzen», sagt Javier Morales,
stellvertretender Bürgermeister der Inselhauptstadt Valverde.
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)/ So wurden in den vergangenen drei Jahren die Wanderwege ausgebaut.
Ananas- und Bananenbauer wurden zum Umstieg auf ökologischen Anbau
ermuntert und die wenigen öffentlichen Busse mit Wasserstoff als
Treibstoff ausgestattet. Bereits im Jahre 2000 erhielt die gesamte
Insel die Auszeichnung als Unesco-Biosphärenreservat. Es gibt fünf
Naturschutzgebiete und das Meeresschutzgebiet Punta de La Restinga.
/(
)/ Das Meeresschutzgebiet, eines der ersten auf den Kanaren, hat
solch einen Erfolg, dass derzeit geprüft wird, in zwei oder drei
Jahren noch weitere Küstenabschnitte unter Naturschutz zu stellen.
«Durch das Fischfangverbot in diesen Zonen nahm der Fischreichtum
unheimlich zu. Das kurbelte nicht nur den für uns wichtigen
Tauchtourismus enorm an, sondern gab auch den Fischern bessere
Zukunftschancen», erklärt Javier Morales. Durch das Fischfangverbot
an der Punta de La Restinga haben sich die Fische wieder so weit
ausgebreitet, dass die lokalen Fischer nicht mehr auf die Fangzonen
vor der afrikanischen Küste angewiesen sind. Andere Kanareninseln wie
Gran Canaria und Teneriffa wollen dem Beispiel El Hierros folgen.
/(
)/ El Hierro gilt heute als Taucherparadies: In den Grotten und an
den abfallenden Felswänden sind Begegnungen mit Rochen, Barrakudas
und sogar Haien, Delfinen und Walen keine Seltenheit. Vor allem «El
Bajón», eine aus fast 100 Meter Tiefe aufsteigende Felsnadel, zieht
jährlich Hunderte Taucher an. Das Riff liegt direkt vor einer kleinen
Bucht aus Lavagestein, in der Christoph Kolumbus wochenlang ankerte,
bevor er 1492 endgültig über den Atlantik zur Entdeckung Amerikas
fuhr. El Hierro war damals das westliche Ende der bekannten Welt,
weshalb hier auch der erste Meridian, der «Meridian null» angesetzt
wurde, bis ihn die Engländer im Jahre 1884 mit nach Greenwich nahmen.
Heute steht an dem Ort der Leuchtturm «Faro de Orchilla», von dem aus
spektakuläre Sonnenuntergänge beobachtet werden können.
/(
)/ Schon die alten Römer kannten das Eiland als westlichsten Punkt
der Erde. Mit dem Niedergang des römischen Reiches gerieten die
Kanaren jedoch in Vergessenheit, so dass die von nordafrikanischen
Berbervölkern abstammenden Ureinwohner El Hierros, die Bimbaches, bis
zur Ankunft der Spanier 1405 auf dem Niveau von Steinzeitmenschen
weiterlebten. Die Bimbaches nannten ihre Insel «Ecero», was «stark»
bedeutet. Vermutlich entwickelte sich daraus später der spanische
Name «Hierro». Manche Dörfer wie Tamaduste, Taibique oder Echedo
tragen noch heute Namen aus der alten Bimbache-Sprache.
/(
)/ Nur auf Hierro finden Urlauber auch eine Art von Rieseneidechsen,
unter anderem in einer Zuchtanstalt bei Frontera. Lange Zeit galt sie
als ausgestorben, bis 1974 ein Viehhirte im Gebirge einige Exemplare
entdeckte. Mittlerweile leben wieder mehrere Hundert der bis zu 70
Zentimeter langen Echsen in den Steilhängen des Risco de Tibataje.
Eine weitere Attraktion ist das Dorf Guinea im El-Golfo-Tal, ein
archäologisches Freilichtmuseum, in dem Besuchern gezeigt wird, wie
die Einwohner El Hierros vor Jahrhunderten lebten.
/(
)/ Die halbrunde Bucht El Golfo entstand vor etwa 50 000 Jahren nach
einem Erdbeben, bei dem ein Drittel der Insel im Meer versank.
Oberhalb der heute schroff und bis zu 1000 Meter abfallenden
Felskanten bieten Aussichtsplattformen wie der Mirador de Bascos und
der Mirador de la Peña schöne Panoramablicke auf das Tal und den
Atlantik. Der Mirador de la Peña, ein Werk des Künstlers César
Manrique, beherbergt außerdem ein Restaurant, dessen Besuch lohnt.
/(
)/ Versteckt zwischen Lavafeldern und Bananenplantagen, laden Buchten
wie der Charco Azul und La Maceta zum Baden ein. Der schönste Strand
El Hierros befindet sich jedoch im Westen der Insel: Die Playa del
Verodal mit ihrem rötlich-schwarzen Sand ist ein Produkt des letzten
Vulkanausbruches 1793, der vor allem den Südwesten mit pechschwarzen
Lavafeldern überzog. Hier in der Hochebene von La Dehesa prägen von
den Passatwinden skurril verformte Wacholderbäume die Landschaft. Ein
gigantischer Wacholderbaum, dessen verkrüppelter Stamm im rechten
Winkel gekrümmt ist, gilt heute als Wahrzeichen der Insel. Nur eine
staubige Piste führt in diese mystisch wirkende Landschaft. Manche
Vulkankrater reichen fast bis zum Meer herunter - so auch in der
Bucht von Tacorón, wo sich ein Naturpool mit klarem Wasser befindet.
/(
)/ Die Insel ist nicht überall so karg und felsig wie im Süden. Im
Norden locken saftige Weidelandschaften sowie grüne Hochebenen mit
riesigen Kiefernwäldern. Durch das Innere der Insel ziehen sich
Berge, in denen sich die Passatwolken verfangen und sich ein dichter
Nebelwald gebildet hat. Wanderwege führen durch mit Moos bewachsene
Lorbeerwälder, die wie ein verzauberter Märchenwald wirken.
/(
)/ Auf alten, teils aus Lavasteinen gebauten Pfaden kann der Wanderer
stundenlang durch die Wälder ziehen, ohne einem Menschen zu begegnen.
Und das soll auch so bleiben. «Vor allem im Tourismusbereich haben
wir aus den Fehlern der anderen Inseln gelernt», sagt Javier Morales.
Unter anderem sieht der Tourismusplan für die kommenden acht Jahre
vor, dass nur in wenigen Küstengebieten neue Hotels gebaut werden,
diese vier oder fünf Sterne haben sollen und die Bettenzahl insgesamt
maximal 2000 betragen darf.
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