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St-Rémy (dpa), - 20. Januar 2010

Töpfer, Winzer, Plätzchenbäcker - die vielen Gesichter der Provence

Es ist schwer, die Provence nicht zu mögen. Die Zahl der Touristen, die beim Bummeln durch Lavendelfelder ins Grübeln kommt, ob der Bausparvertrag den Kauf eines Bauernhauses hergibt, geht wahrscheinlich in die Tausende. Meist bleibt das ein Traum. Aber es gibt auch Menschen, die es geschafft haben und als Einwanderer in Frankreichs Süden heimisch geworden sind. Touristen können manchen davon sogar einen Besuch abstatten - und so noch einmal ganz neue Seiten der Provence kennen lernen.

Hermann van Beek ist einer von ihnen, dem schon auf den ersten Blick anzusehen ist, dass er kaum ein waschechter Provencale sein kann: Der Konditor mit kurzen blonden Haaren und hellblauen Augen stammt aus Kleve am Niederrhein. «Ich war schon von Berufs wegen viel unterwegs», erzählt er. «In Genf habe ich die Frau meines Lebens kennen gelernt» - eine Französin aus einer jüdischen Familie. Auf dem Weg zum Antrittsbesuch bei ihren Großeltern nach Cannes legten die beiden einen Stopp in St-Rémy ein, eigentlich nur zum Kaffeetrinken.

Doch die kleine Stadt mit ihren vielen Restaurants unter ausladenden Platanen hat es ihm sofort angetan: Im Jahr darauf übernahm van Beek dort eine Konditorei und lebt mit seiner Frau nun schon seit Anfang der neunziger Jahre in St-Rémy. «Wenn die Arbeit fertig ist, mache ich die Tür zu und bin im Urlaub», beschreibt er seine beneidenswerte Situation. «Wir haben hier 300 Sonnentage im Jahr, und die Leute sind sehr entspannt.»


Van Beek steht mit blau-weiß karierter Hose und weißem Kittel am Gasofen und rührt abwechselnd in drei Töpfen. In die lässt er sich auch gerne gucken, die Rezepte werden allerdings nicht verraten. «Seit sechs Jahren backe ich ausschließlich Plätzchen», erzählt er, und zwar bevorzugt solche, die es anderswo nicht zu kaufen gibt. «Die Sahnetorten habe ich rausgeschmissen.» St-Remy ist nicht nur bekannt für die Bilder, die van Gogh in der Umgebung gemalt hat, sondern auch als Geburtsort von Nostradamus: Das Haus in der Rue Hoche, in dem er 1503 zur Welt kam, ist noch heute zu sehen.

Außer seinen berühmten Prophezeiungen hat Nostradamus auch ganz andere Dinge zu Papier gebracht: «Ich habe eines seiner Bücher im Archiv der Bibliothek hier gefunden und darin auch ein Rezept entdeckt», sagt der Keksspezialist. Einfach nachbacken ließ es sich nicht: «Es hat ein halbes Jahr gedauert», erzählt van Beek, bis aus Pinienkernen, Fenchel und Rosenwasser - mehr wird nicht verraten - die Nostradamus-Leckerei wurde, die inzwischen im «Petit Duc» verkauft wird, zusammen mit etlichen anderen Kreationen, die auf alten, von van Beek wieder entdeckten Rezepten basieren.

Auch Isabella Reiland-Busch hat es aus dem hohen Norden in die Provence verschlagen: Ein verschlungener, von Zedern gesäumter Weg führt zu ihrem Haus in St-Marc Jaumegarde nicht weit von Aix-en-Provence. Rosen, Thymian und Hortensien stehen im Vorgarten. Die Deutsche aus der Gegend von Iserlohn wohnt seit zehn Jahren hier, das Haus ist gleichzeitig ihr Atelier. Fliesenbilder sind ihre Spezialität - eines davon mit Pfauen und Blumen ist schon an der kleinen Mauer hinter dem Rosenbeet neben dem Haus zu sehen.

Die Entwürfe werden auf Papier vorgezeichnet, dann sorgfältig auf die Fliese übertragen - «eine Geduldsarbeit», wie die Künstlerin betont. «Die Farben halten bis in die Ewigkeit», verspricht sie. Ihre Einrichtung zeigt, wie vielseitig das Material ist: Der Tisch auf der Terrasse ist mit rotbraunen Fliesen samt Blätterdekor ausgestattet, das Tablett im Wohnzimmer ziert ein Fliesenbild mit Olivenzweig. Auch die Wandfliesen im Bad sind nach eigenen Entwürfen gezeichnet, Fliesen gibt es sogar neben den Fenstern als Vorhangersatz. Selbst den Pool hat Isabella Reiland-Busch nach eigenen Ideen gestaltet.

Ähnlich und doch ganz anders sind die künstlerischen Interessen von Abdelouhed Marouane und seiner Frau Lucie: Die beiden besitzen ein Töpferatelier in Aubagne. Die Stadt ist bekannt als Geburtsort des Schriftstellers Marcel Pagnol, aber auch für die Provence-typischen, Santons genannten Weihnachtskrippen und -figuren sowie für Töpferwaren.

Das war auch der Grund, warum Abdelhoued Marouane nach seinem Kunststudium in der marokkanischen Hafenstadt Casablanca in die Provence gekommen ist. In seinem Atelier in der Rue Fréderic Mistral stehen die Regale voller Schalen, Teller, Kannen und Service, manche gerade erst glasiert, andere schon gebrannt.

Marouane bemalt jedes Stück per Hand und vereint dabei oft Stilelemente aus der Provence und seiner marokkanischen Heimat. «Eine Melange» nennt seine Frau das - eine Mischung aus dem Gelb der Sonnenblumen zum Beispiel, die auch van Gogh so fasziniert haben, einem hellen Himmelblau an einem mistralfreien Morgen und einer Formensprache bei den Mustern, die an arabische Kalligrafie erinnert.

Was viele Besucher der Provence neben dem Licht und den Farben so in den Bann zieht, ist die Landschaft, die manchmal nur wenige Kilometer abseits der Touristenpfade überraschend ursprünglich wirkt. Die Bergkette der Alpilles etwa hat auf Ernest Schneider schon immer eine gewisse Faszination ausgeübt. Schließlich ist der Unternehmer aus der Schweiz in die Provence umgesiedelt. Seit 1988 gehört ihm auch das Chateau d'Estoublon in Fontvielle, ein Weingut in einem alten Schloss, das ursprünglich im 15. Jahrhundert erbaut wurde.

Olivenbäume säumen die Einfahrt, dahinter wachsen bereits Reben. Das Grundstück ist rund 600 Hektar groß, mehr als die Hälfte wird inzwischen wieder genutzt. «Seit knapp zehn Jahren pflanzen wir Oliven an», erzählt Schneiders Schwiegersohn Remy Reboul, der sich um die Verwaltung des Chateaus kümmert. «Oliven hat es hier früher schon gegeben. Die meisten wurden 1956 durch den Frost zerstört.» Die Bäume gelten als empfindlich - und bis das erste Öl gepresst ist, braucht es seine Zeit.

Wie überhaupt in Fontvielle Muße groß geschrieben wird: «Das Leben ist ganz anders hier als zum Beispiel in Paris», sagt Reboul. «Es ist alles nicht so strikt und so geregelt.» Aber auch nicht ganz einfach: Denn dass «Ausländer» das Schloss gekauft haben, ist nicht bei allen Provencalen auf Begeisterung gestoßen. «Wir sind schon mit viel Skepsis empfangen worden», erzählt der Schlossherr. Inzwischen ist das Chateau restauriert, und es wird auf 17 Hektar wieder Wein gepflanzt und geerntet, rote wie weiße Trauben.

Mittlerweile kommen auch viele Besucher. Das liegt nicht zuletzt daran, dass das Chateau Schauplatz einer Fernsehserie wurde - und natürlich am Comité Départemental du Tourisme du Bouches-du-Rhones. Das Fremdenverkehrsamt für die Region in Marseille empfiehlt das Chateau als lohnenden Abstecher für alle, die die «Secrets de Provence» kennenlernen wollen, also die weniger bekannten Seiten der Region.

Dazu gehören neben dem «Petit Duc» von Hermann van Beek oder der Töpferei von Abdelhoued Marouane noch Dutzende anderer Betriebe von der Käserei bis zum Biowinzer: So einer ist Peter Fischer, dem in Jouques im Val Durance das Chateau Revelette gehört. Auch er ist auf verschlungenen Wegen in die Provence gekommen, aus der Gegend von Baden-Baden über ein Weinbau-Studium in Kalifornien.

In zerrissenen Jeans und Löchern in den Schuhen steht der Winzer vor seinem Schloss aus dem 17. Jahrhundert. Qualität ist hier nichts Äußerliches: Seine Weine werden vor allem an die Spitzengastronomie geliefert. «Wir haben hier zehn verschiedene Rebsorten», erzählt Fischer. «Pro Jahr kommen wir auf gut 100 000 Flaschen.» Anders als für die Provence typisch setzt Fischer nicht speziell auf Rosé, sondern auch auf Rotwein: Syrah, Grenache und Cabernet Sauvignon etwa. Ähnlich wie Hermann van Beek hat er sich im Blick auf seine Arbeit einen gewissen Eigensinn bewahrt. Und noch eines teilen der Bäcker und der Winzer: Weg aus der Provence wollen beide nicht mehr.

 

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